„Museen kosten nichts, sie zahlen sich aus!“ Mit dieser kernigen Aussage vom Juni 2025 will das Institut für Museumsforschung zum einen das Selbstbewusstsein der Museen bezüglich ihrer gesellschaftlichen Relevanz und Wirksamkeit stärken. Vor allem aber möchte man den Museen in der schärfer werdenden Debatte um das liebe Geld auch in wirtschaftlicher Hinsicht belastbare Zahlen und Argumente für die Diskussion mit ihren Stakeholdern an die Hand geben. (Anm. 1) Der Deutsche Museumsbund (DMB) hat die Inhalte der Studie begeistert ventiliert, da nun belegt sei, dass Museen sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht rechneten. Mit der Gewissheit, wonach „jeder von der öffentlichen Hand in Museen investierte Euro somit eine Wertschöpfung von etwa 1,70 Euro ermögliche“, seien die Verantwortlichen in den Museen bestens gewappnet für die Begegnung mit jenen Trägern, die die Häuser vor allem als Kostenfaktor betrachten. (Anm. 2)
Nicht nur KulturBetrieb kommt zu ganz anderen Ergebnissen
Die Fachzeitschrift KulturBetrieb hat sich das von der ICG Integrated Consulting Group erstellte Papier genauer angeschaut und bilanziert: Die Studie liefert zwar wertvolle Aspekte und eine Reihe hilfreicher betriebswirtschaftlicher Parameter, um die konkrete Wertschöpfung eines Hauses für eine Kommune zu ermitteln, aber sie ist nicht geeignet, um Museen als „Geldvermehrer“ ins Rennen zu schicken, da die griffige Formel von der „1,70-Euro-Wertschöpfung“ hierzulande allenfalls auf einige wenige Museen zutrifft. Für die überwiegende Zahl der Häuser gilt: Sie kosten deutlich mehr Geld als sie erwirtschaften, sei es direkt oder indirekt. (Anm. 3)
Aber auch in der Museumsszene selbst hat man erkannt, wie es sich in der Realität verhält: „Grundsätzlich“, so Shahab Sangestan, Leiter der Landesstelle für Museen Baden-Württemberg, „gibt es nach unserer Kenntnis kein Museum, das gewinnbringend arbeitet. Man weiß also von Anfang an, dass das keine Institution ist, die finanzielle Gewinne bringt. Da muss investiert und das muss fortgeschrieben werden.“ (Anm. 4)
Von Museumsschließungen und gekürzten Öffnungszeiten
Cold War Museum (Berlin), Das kleine Grosz-Museum (Berlin), Umweltmuseum (Bodman), Oberharzer Bergwerksmuseum (Clausthal-Zellerfeld), Pinguin-Museum (Cuxhaven), Museum „Alte Schule“ (Efringen-Kirchen), Phänomania (Essen), Müll-Museum (Iserlohn), Faust-Museum (Knittlingen), Deutsches Spielkartenmuseum (Leinfelden-Echterdingen), Clown-Museum (Leipzig), Bibliorama (Stuttgart), Maximum (Traunreut), Nibelungenmuseum (Worms) …
Was diese Einrichtungen und weitere verbindet? Sie wurden geschlossen bzw. stehen vor dem Aus. Allein in Baden-Württemberg sind seit 2013 mehr als 40 Museen geschlossen worden. In einem der wenigen (noch) wohlhabenden Bundesländer standen sogar die Stadtmuseen von Karlsruhe und Baden-Baden auf der Kippe! In wieviel Museen bundesweit aufgrund der angespannten Haushaltslage Öffnungszeiten verkürzt und / oder einzelne Abteilungen tageweise geschlossen bleiben, ist nicht im Detail bekannt, aber vermutlich weit verbreitet. Wie also kommt man auf die Idee, wonach Museen sich hierzulande rechneten?
In Österreich verdient man mit Museen angeblich noch mehr Geld
Der von der Studie der ICG Integrated Consulting Group für Deutschland behauptete Return of Investment von 1,70 pro investiertem Euro bei Museen übertrifft den durchschnittlichen ROI von Unternehmen der freien Wirtschaft bei weitem. Warum aber bleibt trotz solch traumhafter Margen eine museale Gründerzeit aus? Diese Frage stellt sich noch drängender in Österreich, dem Heimatland der ICG. Dort hatte man bereits 2018 eine Erhebung durchgeführt und für die Alpenrepublik eine sagenhafte Wertschöpfung von 1,80 Euro errechnet und geschlussfolgert: „In Museen zu investieren, lohnt sich.“ (Anm. 5) Bei so viel Wirtschaftswunder reibt man sich die Augen und kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus! Laut möchte man rufen: Kommunen, verzichtet auf die Hundesteuer und baut stattdessen Museen, wenn Ihr sprudelnde Geldquellen erschließen wollt!
Im oben genannten Beitrag hat KulturBetrieb selbstredend auch die österreichische Studie von 2018 befragt, deren Methode als Blaupause für die deutsche Museumslandschaft 2025 herangezogen worden ist. Resultat: Die von der ICG errechnete Hebelwirkung der öffentlichen Gelder mag allenfalls in den touristischen Hochburgen Österreichs greifen, in Wien, Graz, Klagenfurt oder Salzburg, nicht aber in der Fläche. Doch auch dieses ausgesprochene freundliche Szenario wird inzwischen von der Realität widerlegt, denn nun stehen sogar Wiener Museen unter strengem Sparzwang.
Selbst in „Tu felix Austria“ sind Museen keine Goldesel!
Wien muss sparen. Der städtische Kultursektor wird im Jahr 2026 um 2,5 Prozent des Budgets abgesenkt und im Jahr 2027 sogar um fünf Prozent. Betroffen davon ist auch das Wien Museum, das über insgesamt 16 Standorte verfügt, von denen einige die Musikstadt thematisieren. Nun stehen vier Häuser vor drastischen Einschränkungen, darunter der Neidhart-Festsaal, Schuberts Sterbewohnung sowie die Wohnhäuser von Joseph Haydn und Johann Strauss. (Anm. 6)
„Das Haydn-Museum wird ab dem 2. März 2026 schließen müssen. Das Wien-Museum, zu dem es wie viele andere Gedenkorte gehört, teilte gerade mit: „Die von der Stadt Wien beschlossenen Einsparungsmaßnahmen wirken sich auf das Budget des Wien Museums für 2026/2027 aus.“ Also müsse man aus budgetären Gründen „zum Teil behutsame Anpassungen“ der Öffnungszeiten einiger Standorte vornehmen. Es trifft nicht Haydn allein. Auch das Museum in Schuberts Sterbehaus in der Kettenbrückengasse macht – zunächst nur temporär – dicht. Das Wohnhaus von Johann Strauss, der gerade noch als Jubilar groß gefeiert wurde, in der Praterstraße wird ebenfalls vom 2. März an geschlossen. Der ganze Vorgang ist symptomatisch: Kein Krieg von außen bedroht die Stadt, sondern ein Krieg im Innern – ein Verteilungskampf um die immer knapper werdenden Mittel in einer hoch verschuldeten Kommune.“ (Anm. 7) Offenbar rechnen sich selbst in der touristischen Hochburg Wien die Museen nicht!
Hoffen auf den Zauber des Märchens oder doch bloßes Pfeifen im Walde?
Vor dem Hintergrund der aktuellen sowie künftigen Schließungen und Kürzungen fragt man sich, was das Institut für Museumsforschung und der sekundierende Deutsche Museumsbund mit ihrer Mär beabsichtigen, wonach ein Museum ein wundersames „Eselchen streck Dich!“ sei? Ist es nur Hilflosigkeit oder doch schon Verantwortungslosigkeit, unseren Museen durch solch PR-Aktionen einzureden, sie seien „Geldbringer“? Und wen will man überhaupt mit solchen Botschaften erreichen? Die breite Öffentlichkeit? Mit Sicherheit nicht, denn der Durchschnittsbürger interessiert sich nicht dafür. Die Adressaten sind natürlich die Entscheidungsträger/innen auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene. Aber die kommen bei ihren eigenen Berechnungen zur Haushaltslage zu offenkundig ganz anderen Ergebnissen als ICG, DMB und Institut für Museumsforschung. Was erstaunt: Der DMB müsste es eigentlich besser wissen, denn der von ihm selbst seit einigen Jahren durchgeführte Stimmungsbarometer ist eindeutig: „Die Museen bewerten die Bereitschaft der Politik und der Träger, Museen zu unterstützen, als rückläufig. (…) Knapp die Hälfte erwartet eine Verschlechterung der finanziellen Lage der Museen. Zwischenzeitlich erwarteten dies sogar 60%. Immerhin gut 20% sind zuversichtlich.“ (Anm. 8)
Und nun? Museen hierzulande sind meines Erachtens gut beraten, sich nicht zu beklagen und unrealistische Forderungen an die Politik zu stellen. Sie sollten vielmehr aktiv werden und eigene Vorschläge vorlegen, wie unsere Museumslandschaft durch Umstrukturierungen, Synergien und Einsparungen grundlegend neu aufgestellt und gestärkt werden kann. Zur Orientierung könnte die bevorstehende Krankenhausreform dienen. Unsere Museen sollten – in einem vom Deutschen Museumsbund und den Verbänden der Länder gesteuerten Vorgehen – zunächst untereinander klären, welche Museen zu erhalten, welche zu schließen und welche zu fusionieren sind. Dabei ist es zwingend nötig, den Blick weit über die Kommune hinaus zu lenken. Was benötigen wir in unserem Landkreis, unserem Regierungsbezirk, unserem Bundesland oder auch im benachbarten Bundesland? Mit einer kritischen Bestandaufnahme der Museen allein ist es jedoch nicht getan. Bibliotheken, Schwimmbäder, Theater, Orchester usw., d.h. alle sog. freiwilligen Aufgaben müssen ebenfalls befragt werden, wie sie sachdienlich, gerecht, wirtschaftlich, technisch, personell und zukunftsfähig aufgestellt und in eine Region integriert werden.
Der Appell sollte also nicht heißen, Museen, behauptet eine wirtschaftliche Bedeutung, die Ihr de facto nicht habt!, sondern: Museen, werdet aktive Gestalter in eigener Sache. Strukturiert Euch aus eigener Kraft, bevor Ihr von externen Kräften gewogen und gegebenenfalls für zu leicht befunden und abgewickelt werdet!
Berthold Schmitt, Herausgeber der Fachzeitschrift KulturBetrieb
Anm. 1: Vgl. Der ökonomische Fußabdruck von Museen. Das sichtbare Kapital. Studie zu den ökonomischen Wirkungen der Museumslandschaft in Deutschland, Berlin 2025
Anm. 2: Vgl. Erste Studie zu den ökonomischen Wirkungen der Museumslandschaft in Deutschland, in: Deutscher Museumsbund, 01.07.2025.
Anm. 3: Vgl. Berthold Schmitt, Museum als Gelddruckmaschine? Eine Studie des Instituts für Museumsforschung erweckt diesen Eindruck bei oberflächlicher Lesart, in: KulturBetrieb, zwei 2025, S. 72-77.
Anm. 4: Eva-Maria Schlosser, Wenn Museen schließen, geht oft Kulturgut verloren, in: Staatsanzeiger, 18.02.2026; www.staatsanzeiger.de/nachrichten/kultur/wenn-museen-schliessen-geht-oft-kulturgut-verloren/; Abfrage: 27.02.2026
Anm. 5: Zur Lage der österreichischen Museen. Eine Bestandsaufnahme; hrsg. von Museumsbund Österreich und ICG Integrated Consulting Group, Graz / Wien 2018, 58 Seiten, Quelle: museen-in-oesterreich.at/wp-content/uploads/2023/10/Museumsbund_Oesterreich_Zur_Lage_der_oesterreichischen_Museen.pdf; Abfrage: 27.02.2026
Anm. 6: Vgl. Matthias Dusini, Kulturstadt Wien: Unsensible Schließungen, in: Falter, 26.02.2026; Quelle: www.falter.at/maily/20260226/unsensible-schliessungen; Abfrage: 27.02.2026
Anm. 7: Jan Brachmann, Komponistenmuseen: Armes Wien, wo die Museen schließen!, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2025; www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/geldnot-wien-schliesst-haydn-museum-110807571.html; Abfrage: 27.02.2026
Anm. 8: Vertrauen der Museen in politische Unterstützung sinkt, in: Deutscher Museumsbund, 21.06.2024; Quelle: www.museumsbund.de/vertrauen-der-museen-in-politische-unterstuetzung-sinkt/; Abfrage: 27.02.2026
Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert in KulturBetrieb, 2026, S. 64-65.




