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»Sind Sie wirklich so uninformiert?«

Im Museum Kunstpalast werden Gäste nun beschimpft und gedemütigt

„Die Führer in den Museen sind nichts anderes als eitle Geschwätzmaschinen.“
Thomas Bernhard, Alte Meister

Laut ICOM sollen Museen inklusiv sein, ethisch und partizipativ arbeiten sowie vielfältige Erfahrungen hinsichtlich Bildung, Freude, Reflexion und Wissensaustausch ermöglichen. Im Düsseldorfer Museum Kunstpalast ist nun eine weitere Ebene hinzugekommen: Die Besucherinnen und Besucher lassen sich vom Museumsführer beschimpfen – gegen Bezahlung.

Vom hehren Tempel der bildenden Kunst zur Spottmaschine
Mit klarer Ansage geht es los: „«Mein Name ist Langelinck – und ich warte auf niemanden», sagt der Kunstführer mit dem Dreitagebart, zu großer Brille und den ausgelatschten Wildlederschuhen. «Und wenn ich einen oder eine von euch dabei erwische, wie Sie mit dem Endgerät vor meinem Gesicht herumfuchteln – hier ist die Tür!» Ohne sich umzudrehen, läuft Joseph Langelinck los und bleibt vor einem Altar aus dem 17. Jahrhundert stehen. Eine Besuchergruppe folgt dem griesgrämigen Kunstvermittler durch die Säle des Düsseldorfer Kunstpalasts und hält sich lieber auf Abstand. Denn jeder und jede kann in der folgenden Stunde zur Zielscheibe des Spotts und der Beleidigungen Langelincks werden. (…) Zum Glück erkennt ein Teilnehmer den Erzengel Michael auf einem Bild auf der Rückseite des Altars. «Es hat ja nur eine Aufforderung gebraucht», mokiert sich der missgelaunte Guide. «Wenn das für Sie so einfach war, dann sagen Sie mir doch auch, wofür in der Mode des 16. Jahrhunderts ein solcher Scheinärmel stand.» Scheinärmel? Bei diesem kunsthistorischen Detail muss die Gruppe passen. «Da hört es dann also schon wieder auf», höhnt Langelinck. Und schüttelt den Kopf über die Ahnungslosigkeit seiner Zuhörer, die nicht wissen, dass ein Scheinärmel ein Zeichen des Überflusses und des Adels war. Einen letzten Versuch unternimmt Langelinck und zeigt auf eine Frau mit einer Schlange an der Brust. «Sind Sie wirklich so uninformiert?», fragt er in die Runde, um dann triumphierend auszurufen: «Kleopatra». Die letzte ägyptische Pharaonin soll sich mit dem Biss einer Schlange das Leben genommen haben.“ (Anm. 1)

»Eine höchst unangenehme Tour durch die Sammlung«
Joseph Langelinck ist ein „Grumpy Guide“, ein mürrischer, grummeliger Museumsführer. Er „weiß alles und vor allem weiß er es besser als die Besucher*innen und das lässt er sie auch gerne spüren. Er ist genervt, gelangweilt und überheblich. Laut eigener Aussage ist Joseph Langelinck Nachfahr eines ehemaligen Direktors der Düsseldorfer Gemäldegalerie. Sein Groll gilt manchen Künstler*innen und den Werken, die unter seiner rechtmäßigen Führung niemals einen Weg in die Sammlung gefunden hätten, vor allem aber den Besucher*innen und deren Ahnungslosigkeit. Er führt die Gruppe durch die Sammlung wie es ihm gerade passt, mal im Schnelldurchlauf durch mehrere Jahrhunderte und mal kann er sich minutenlang in das kleinste Detail eines Kunstwerkes vertiefen. Zwischendurch kann es auch zu einer überraschenden Wissensabfrage kommen – nehmen Sie sich in Acht vor dem Grumpy Guide!“ (Anm. 2)

Publikum lässt sich kenntnisreich beschimpfen und ist begeistert
„Hinter Kunstführer Langelinck verbirgt sich der Düsseldorfer Performancekünstler Carl Brandi, 33. Nach Angaben des Kunstpalastes ist der ultramies gelaunte Guide der weltweit erste und einzige seiner Art. Die Idee zu der Führung kam Felix Krämer, dem Generaldirektor des Hauses, als er von einer neuen Form der Erlebnisgastronomie erfuhr: Restaurants, in denen die Gäste von den Servicekräften bewusst schlecht behandelt, ja sogar angepöbelt werden – und an dieser Art der Behandlung auch noch Spaß haben. Mit diesem Konzept sorgt unter anderem das Restaurant „Karen’s Diner“ im australischen Sydney für Aufsehen. Dessen Werbeclaim: „We hate good service.“ Die Dialoge dort klingen so: „Du willst noch einen Wein? Du verdammte Alkoholikerin!“ – „Dir schmeckt dein Burger nicht? Dann geh zu McDonald’s!“ Krämer dachte sich, dass auch im Kunstbetrieb, wo sich alle immer wahnsinnig ernst nähmen, eine Prise Selbstironie nicht schaden könnte. Also machte sich das Haus auf die Suche nach einem Guide, der sowohl kunsthistorisch bewandert als auch mit Schauspieltalent gesegnet ist – und fand Carl Brandi.“ (Anm. 3)

Während es im Berliner Bode-Museum um Achtsamkeit geht …,
Die Staatlichen Museen zu Berlin bieten seit 2023 das Konzept „Zufluchtsort Bode-Museum. Suizide verhindern. Reden hilft!“ an. In Kooperation mit dem Berliner Krisendienst will man dort Menschen helfen, die in eine existenzielle, vielleicht sogar lebensbedrohliche Lage geraten sind. (Anm. 4) Jüngst hat das Bode-Museum ein zusätzliches Angebot zur Selbsthilfe gestartet: „Das Projekt `Das heilende Museum´ vereint Achtsamkeit, medizinische Forschung und Kunstgeschichte. Es ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem Experimental and Clinical Research Centre (Charité – Universitätsmedizin Berlin) und dem Bode-Museum (Skulpturensammlung). Wir bieten Ihnen die Möglichkeit in Eigenregie, praktische Achtsamkeitsübungen zu erlernen oder bestehende Fähigkeiten auf diesem Feld zu vertiefen. Hierfür steht ihnen ein eigens hergerichteter Museumsraum zur Verfügung, der die miteinander verflochtenen Meditationstraditionen von Buddhismus, Islam, Christentum sowie Hinduismus aufzeigt und deren Einfluss auf die neue Achtsamkeitsbewegung des 21. Jahrhunderts nachzeichnet. Eine Auswahl anregender Meditationen kann kostenlos über den Audioguide, mit dem Handy oder über diese Website abgerufen werden. Eine Bank sowie Sitzkissen stehen zur Verfügung. Um dieses besondere Selbsthilfeangebot einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen, werden im ersten Jahr des Projekts 2.000 Freikarten für die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Pro geförderten Zeitfenster können 10 Personen ein Freiticket erwerben. Sie können aber auch jederzeit mit einer gültigen Eintrittskarte das Angebot nutzen.“ (Anm. 5) Die Plätze scheinen begehrt: Bis Ende 2025 stehen keine Tickets mehr zur Verfügung.

… wird man im Düsseldorfer Kunstpalast zum freiwilligen Opfer von Arroganz!
Der überhebliche Grumpy Guide im Kunstpalast mutet an wie der radikale Gegenentwurf zum Konzept der Achtsamkeit im Bode-Museum. Während man sich in Berlin einer sozialen Verantwortung stellen möchte, lässt man in Düsseldorf seiner Geringschätzung gegenüber dem Publikum freien Lauf. Das Konzept der gebildeten Beschimpfung durch den „Grumpy Guide“ ist ein Riesenerfolg. Die einstündigen Führungen, die der Performance-Künstler mehrfach pro Monate anbietet, sind auf Wochen ausgebucht, Sondertouren werden angesetzt. Ein Schnäppchen ist das Ganze nicht: Ein Ticket für den Grumpy Guide kostet 7 Euro pro Person und versteht sich zuzüglich zum Eintrittspreis (regulär 13 Euro).

„Dass das erstmals ins Museum übertragene Schlechte-Laune-Konzept so gut ankomme, liege wohl an der Kunstbranche selbst. Diese neige ja dazu, alles immer sehr ernst zu nehmen. In den `hochheiligen Hallen eines Museums´ trauten sich die Menschen in der Regel nur zu flüstern. Dabei dürfe Kunst auch Spaß machen und Museen könnten mehr Leichtigkeit gebrauchen. `Man kann sich auch darüber lustig machen, und deswegen fällt kein Bild von der Wand´, so Krämer. `Ich finde es super, wenn der Grumpy Guide sich über unsere Hängung lustig macht, quasi über meine Arbeit.´“ (Anm. 6)

Weshalb man sich das gefallen lässt?
Manche Gäste „finden es gut, dass Langelinck auch `die Leute hochnimmt, die Kunst immer auf so ein Podest stellen´. Etwas mulmig ist einigen Besuchern aber doch. `Es war schon grenzwertig´, sagt Sandra Kahmann. Sie wurde vom «Grumpy Guide» gleich zu Beginn auserwählt, ihm exakt alle zehn Minuten die Zeit anzusagen. `Ich wusste nicht, ob ich auch direkt wütend werden oder innerlich eigentlich auch lachen sollte´, so Kahmann. Dazu immer dieser eindringliche Blick Langelincks. ´Man kam aus der Situation gar nicht mehr raus.´“ (Anm. 7) Erstaunliche Erkenntnis: Es kann Freude bereiten, schlechte Laune zu erleben. Der Clou an der Führung: Sie ist nicht nur Comedy – man lernt auch viel. Etwa, wenn Langelinck fordert, den eigenen Sinnen zu vertrauen, sich auf ein Werk einzulassen und sich mit dem historischen Kontext vertraut zu machen. Und eben nicht nur – erwischt! – den kleinen Text am Bild zu lesen. (…) Dass es trotzdem Spaß machen kann, jemanden herunterzuputzen oder Zeuge zu sein, wenn jemand heruntergeputzt wird, erklärt Jens Lönneker, Psychologe und Geschäftsführer des Kölner Marktforschungsinstituts `Rheingold Salon´, damit, dass wir uns vom Zwang zur Political Correctness bisweilen erdrückt fühlen. `Im Zweifel soll man immer und überall höflich kommunizieren, ob in der Verwaltung oder in Unternehmen.“ Doch trotz der vorherrschenden Etikette ist die Lust, einmal aus der Haut zu fahren, nicht verschwunden.´“ (Anm. 8)

Ob das Konzept der musealen Beschimpfung im Umland des rheinischen Karnevals auf besonders fruchtbaren Boden fällt? Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) hätte bestimmt seine helle Freude daran gehabt, denn in seiner bitterbösen Komödie „Alte Meister“ heißt es: „Die Führer in den Museen behandeln die ihnen Anvertrauten doch immer nur als Dummköpfe, während sie doch niemals solche Dummköpfe sind, sie erklären ihnen vornehmlich immer das, was ja naturgemäß ganz und gar deutlich zu sehen ist und also gar nicht erklärt zu werden braucht, aber sie erklären und erklären und zeigen und zeigen und reden und reden.“ (Anm. 9)

Dr. Berthold Schmitt, Herausgeber der Fachzeitschrift KulturBetrieb

Anm. 1: Gehirn eines Hamsters – Museumsführer beschimpft Besucher; in: dpa, 04.07.2025; Quelle: www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/gehirn-eines-hamsters-museumsf%C3%BChrer-beschimpft-besucher/ar-AA1HWm6L; Abfrage: 07.07.2025
Anm. 2: Grumpy­Guide, in: Kunstpalast; Quelle: www.kunstpalast.de/de/grumpy-guide/; Abfrage: 07.07.2025
Anm. 3: Frank Lorentz, Zur Schau gestellte Unfreundlichkeit hat offenbar Konjunktur, in: Welt; Quelle: www.welt.de/iconist/trends/article256311294/Grumpy-Guide-Zur-Schau-gestellte-Unfreundlichkeit-hat-offenbar-Konjunktur.html; Abfrage: 07.07.2025; zu Karen´s Diner vgl. Jennifer Köllen, Karen´s Diner, „Halt´s Maul“: Restaurant ist das unfreundlichste der Welt – mit Absicht, in: Kreiszeitung.de, 25.08.2022; Quelle: www.kreiszeitung.de/stories/halt-maul-restaurant-ist-das-unfreundlichste-der-welt-mit-absicht-91746734.html; Abfrage: 07.07.2025
Anm. 4: Zufluchtsort Bode-Museum. Suizide verhindern. Reden hilft!; Quelle: www.smb.museum/museen-einrichtungen/bode-museum/online-angebote/video-reihen-und-filme/zufluchtsort-bode-museum/; Abfrage: 07.07.2025
Anm. 5: Das heilende Museum, in: Staatliche Museen zu Berlin; Quelle: shop.smb.museum; Abfrage: 07.07.2025
Anm. 6: Gehirn eines Hamsters, a.a.O.
Anm. 7: Gehirn eines Hamsters, a.a.O.
Anm. 8: F. Lorentz, Zur Schau gestellte Unfreundlichkeit hat offenbar Konjunktur, a.a.O.
Anm. 9: Thomas Bernhard, Alte Meister, Frankfurt / M. 1988, S. 130.

Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in KulturBetrieb, zwei 2025, S. 18-20