Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.
Søren Kierkegaard (1813-1855)
„Die Museen haben jährlich mehr als 100 Millionen Gäste, die Bundesliga etwa 13,5 Millionen Besucher.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann, 2013.
„107,4 Mio Besuche in Museen und Ausstellungshäusern. (…) 13,6 Mio entfallen auf Zoos und Tierparks, 9,7 Mio auf Botanische Gärten.“ Institut für Museumsforschung, 2025
Vergleich Fußball? Ein klassisches Eigentor!
In der Saison 2024/25 haben 18 Teams in der Ersten Deutschen Fußball-Bundesliga 306 Spiele bestritten. In Summe zählte man 11,83 Millionen Fans in den Stadien, d.h. im Schnitt hat jedes Spiel rund 40.000 Besuche gehabt. Die Zweite Liga des hiesigen Fußballs hatte 2024/25 knapp zehn Millionen Gäste, d.h. rund 30.000 pro Spiel. (Anm. 1) Hinzu kommen die Zuschauer/innen an TV-Geräten, darunter etwa 3,5 Millionen, die samstäglich dem Ball in der ARD folgen. Auch bei Sky Sport sollen es pro Wochenende rund 3,5 Millionen Gäste sein – zahlende Gäste wohlgemerkt. (Anm. 2) In Summe faszinieren allein die erste und zweite Bundesliga deutlich mehr als 100 Millionen Menschen pro Jahr! Die Zählung könnte über weitere Ligen bis in die Kreisklasse fortgesetzt werden …
Und die Kulturbetriebe? 2023 haben unsere Museen und Ausstellungshäuser etwa 106 Millionen Gäste gezählt, die sich auf 7.278 Einrichtungen verteilten. Pro Kulturbetrieb und Jahr sind das nicht einmal 15.000 Besucher/innen. (Anm. 3) Die hinzukommende Zahl von virtuellen Gästen ist seriös kaum zu quantifizieren.
Weshalb strengen Kulturverantwortliche diesen Vergleich mit dem Fußball an, den unsere Museen und Ausstellungshäuser auf ganzer Breite so eindeutig verlieren? Wie töricht solch ein Wettbewerb ist, zeigt sich auch daran, dass sehr viele Menschen offenbar bereit sind, für einen Besuch im Stadion resp. für das Zuschauen am Bildschirm tief in die Tasche zu greifen und auch auf diese Weise das florierende privatwirtschaftliche Fußballbusiness finanzieren. Dagegen sehen die ständig nach mehr öffentlichen Mitteln rufenden Kulturbetriebe nicht besonders sportlich aus. Wen glaubt man, auf diesem Wege für die Welt der Museen begeistern zu können?
Vergleich Zoo? Die Elefanten blasen den Museen den Marsch!
Obwohl oder weil der unglückselige Vergleich des früheren Kulturstaatsministers mit dem hiesigen Fußball mehr als zehn Jahre zurückliegt und somit vergessen sein dürfte, bemüht das Institut für Museumsforschung nun erneut einen Vergleich. Diesmal müssen Elefant, Tiger & Co herhalten. Das ist – gelinde formuliert – heikles Terrain, denn 82% der Menschen hierzulande stehen hinter den Zoos, Tiergärten und -parks. (Anm. 4)
Ende 2025 teilt das Institut für Museumsforschung mit, man habe für das Jahr 2024 „zum ersten Mal auch Zoos, Tierparks und Botanische Gärten in seine Erhebung miteinbezogen, da diese Einrichtungen nach dem Verständnis des Internationalen Museumsrates (ICOM) ebenfalls zu den Museen zählen.“ Ergebnis: „Insgesamt meldeten sie 23,3 Mio Besuche, die nicht in den 107,4 Mio Besuchen der klassischen Museen enthalten sind. 13,6 Mio entfallen auf Zoos und Tierparks, 9,7 Mio auf Botanische Gärten.“ (Anm. 5) Angeschrieben hatte man 146 Zoos und Tiergärten sowie 92 Botanische Gärten, von denen etwas mehr als die Hälfte bzw. fast 60% geantwortet haben.
Die Mitteilung des Instituts für Museumsforschung sagt leider nichts darüber, welche Zoos hierzulande angefragt wurden. Die tatsächliche Zahl dieser Einrichtungen und auch ihre Besuchszahlen liegen weit höher: „In Deutschland gibt es mehr als 800 Zoos, darunter 56 wissenschaftlich geführte Zoos im Verband der Zoologischen Gärten (VdZ), die durch besonders hohe Tierhaltungsstandards und Artenschutzinitiativen hervorstechen. Diese Zoos erfreuen sich großer Beliebtheit: Im Jahr 2022 verzeichneten sie mehr als 34 Millionen Besuche in Deutschland.“ (Anm. 6) Was wir zunächst sehen, ist ein Wirrwarr von Zahlen: Wie viele Zoos gibt es nun wirklich und wie viele Besuche zählen sie pro Jahr? Nur 13,6 Mio oder doch 34 Mio?
Sieben Prozent unserer Zoos sind Champions League, aber immerhin auch 0,1 Prozent der Museen!
Unterstellen wir einmal – obwohl es dafür keinen erkennbaren Grund gibt –, der VdZ optimiert die Zahl der Besuche und wir lassen hier in dieser Betrachtung nur die Zahlen des Instituts für Museumsforschung zu, dann ist klar: Die absolute Zahl der Museumsbesuche hierzulande übersteigt die der Zoos und Gärten um mehr als das Vierfache! Technischer Knockout zugunsten der Kultur, könnte man meinen. Aber so eindeutig, wie manche in der Museumslobby nun hoffen, ist die Sachlage nicht, denn wie steht es um das viel aussagekräftigere Verhältnis zwischen der Zahl der Einrichtungen und ihren jeweiligen Besuchen?
Folgt man der Erhebung des Instituts für Museumsforschung haben 146 Zoos und Tierparks im Jahr 2024 insgesamt rund 13 Millionen Gäste gezählt, d.h. pro Einrichtung und Jahr sind das etwa 90.000. In demselben Zeitraum strömten rund zehn Millionen Gäste in die 92 Botanischen Gärten, d.h. sie kamen auf rund 100.000 Besuche je Einrichtung und Jahr. Dagegen brachten unsere Museen und Ausstellungshäuser es im Durchschnitt aller 7.278 Häuser auf nicht einmal 15.000 Besuche pro Einrichtung und Jahr! Das weiß auch das Institut für Museumsforschung, das in seiner Erhebung „Ausgerechnet Museen 2023“ bilanziert: 56,7% aller Museen verzeichneten weniger als 5.000 Besuche und 75% kamen auf maximal 15.000 Besuche. (Anm. 7)
Allerdings wird die Bilanz der Museen noch bitterer, wenn man sich die Besuchszahlen einzelner Tiergärten für das Jahr 2023 anschaut. Hier eine Auswahl: Berlin (Zoo) 3,85 Mio; München (Hellabrunn) 1,9 Mio; Leipzig 1,9 Mio; Stuttgart (Wilhelma) 1,8 Mio; Hamburg (Hagenbeck) 1,8 Mio; Berlin (Tierpark) 1,8 Mio; Köln 1,3 Mio sowie Nürnberg, Karlsruhe, Osnabrück und Hannover mit je 1,0 Mio. Elf von 146 Zoos hierzulande zählen jeweils eine Million und mehr Besuche pro Jahr. (Anm. 8) Das heißt, rund sieben Prozent unserer Zoos spielen – um in der Sprache des Fußballs zu bleiben – in der Champions League.
Und die Museen? Ganze 0,6%, das sind 27 Häuser, zählen 500.000 bis eine Million Besuche und nur magere 0,1% schaffen mehr als eine Million. (Anm. 9) Die fünf „Millionäre“ sind: Topographie des Terrors, Berlin (1,6 Mio); Deutsches Museum, München (1,5 Mio); Miniatur Wunderland, Hamburg (ca. 1,5 Mio) sowie Gedenkstätte Berliner Mauer, Berlin bzw. Schloss Neuschwanstein (je ca. 1 Mio). (Anm. 10) Am Rande: Das Miniatur Wunderland ist eine private Einrichtung.
„Schuster, bleib bei deinem Leisten!“
Warum nur kommen die Verantwortlichen in Instituten, Verbänden und Organisationen auf Vergleiche mit Fußball bzw. Zoos, die nicht nur hinken, sondern Kulturbetriebe bei genauem Zusehen ziemlich alt aussehen lassen?
Wen, liebe Verbände, wollt Ihr mit diesem Jonglieren von Zahlen und Vergleichen erreichen und von was will man die Adressaten überzeugen? Dass Museen relevant, gar unverzichtbar sind? Dass öffentliches Geld in Kulturbetrieben bestens angelegt ist und sich nicht nur als Dividende für die Bildung auszahlen wird, sondern auch als Bollwerk für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Liebe Museen, haltet es doch klugerweise mit dem antiken Maler Apelles, dessen Diktum dazu auffordert, sich auf das eigene Fachgebiet und die eigenen Kompetenzen zu beschränken. Verzichtet auf Wettbewerbe, die Ihr nur verlieren könnt. Setzt und vertraut auf Eure individuellen Stärken und leuchtet so hell Ihr könnt! Nur dann wird Eure Kompetenz erkannt, geschätzt und von den Menschen als authentisch wahrgenommen.
Berthold Schmitt, Herausgeber der Fachzeitschrift KulturBetrieb
Anm. 1: Vgl. Fußball-Bundesliga 2024/25 sowie 2. Fußball-Bundesliga 2024/25, in: Wikipedia; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 2: Vgl. Sport in der ARD, in: ARD; Abfrage: 04.03.2026, sowie: Erfolgreicher Bundesliga-Start für Sky Sport: Insgesamt 3,50 Mio. Zuschauer bedeuten deutliche Steigerung gegenüber der Vorsaison, in: Sky Sport, 25.08.2025; Quelle: sport.sky.de/fussball/artikel/erfolgreicher-bundesliga-start-fuer-sky-sport-insgesamt-3-50-mio-zuschauer-bedeuten-deutliche-steigerung-gegenueber-der-vorsaison/13418219/34240; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 3: Vgl. Ausgerechnet Museen 2023, Institut für Museumsforschung, Berlin, Juni 2025; Quelle: www.smb.museum/fileadmin/website/Institute/Institut_fuer_Museumsforschung/Publikationen/Materialien/Sonderhefte/Institut-fuer-Museumsforschung-2023-Ausgerechnet-Museen.pdf; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 4: Vgl. Die Deutschen und ihre Zoos. Ergebnisse der Forsa-Studie 2020, Berlin 2020; Quelle: vdz-zoos.org/fileadmin/PMs/2020/VdZ/Forsa-Broschuere_Die_Deutschen_und_ihre_Zoos.pdf; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 5: Besuchszahlen der Museen und Ausstellungshäuser 2024 leicht gestiegen, in: Pressemitteilung, 16.12.2025; Quelle: www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2025/12/251216-besuchszahlen-museen.pdf; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 6: Wie viele Zoos gibt es in Deutschland und wie viele Menschen besuchen sie?, in: VdZ – Verband der Zoologischen Gärten; Quelle: vdz-zoos.org/themen/faqs; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 7: Vgl. Ausgerechnet Museen 2023, S. 13.
Anm. 8: Eigenauskunft der genannten Einrichtungen; Abfrage: 04.03.2026
Anm. 9: Vgl. Ausgerechnet Museen 2023, S. 14.
Anm. 10: Eigenauskunft der genannten Einrichtungen; Abfrage: 04.03.2026
Dieser Beitrag wurde erstmals publiziert in KulturBetrieb, 2026, S. 66-67.




