Anfang 2025 hat der Deutsche Museumsbund (DMB) eine Checkliste bereitgestellt, die zu einer konstruktiven, transparenten und nachhaltigen Zusammenarbeit zwischen Museum und Träger beitragen soll. Basierend auf dieser Liste, die die „Standards für Museen“ ergänzt, sollen vor allem kleine und mittlere Häuser „anschlussfähig und auf Augenhöhe“ mit ihren Trägern kommunizieren, von diesen „erfolgreich Unterstützung einwerben“ und „die Zusammenarbeit mit dem Träger für beide Seiten langfristig produktiv gestalten“. Die Checkliste versteht sich als praktisches Instrument, das geeignet ist, die „eigene Arbeit regelmäßig zu überprüfen und weiterzuentwickeln“. Das Papier ist zu begrüßen, wirft aber auch Fragen auf.
»Transparente Kooperation und anschlussfähige Kommunikation«
Mit Blick auf diese Kernanliegen bündelt die Checkliste einen Dreiklang an Maßnahmen für den zielführenden Austausch mit den Trägern:
• Transparenz: Vielfalt der musealen Aufgaben veranschaulichen; Evaluierung der eigenen Arbeit; Sichtbarmachung von Herausforderungen; Träger in museale Gremien einbinden; Spielregeln festlegen; gemeinsame Zielvereinbarungen schließen
• Kommunikation: Ansprechpartner kennen und Kontakte pflegen; präzise Forderungen; konkrete Lösungsvorschläge; analoge und digitale Museumsfrequentierung dokumentieren; Sprache von Politik und Verwaltung nutzen sowie wissenschaftliche Fachsprache vermeiden
• Gesellschaft: Wert für Stadt / Gemeinde kennen, Potential aufzeigen und Präsenz zeigen; aktuell und gut informiert sein über Themen und Strategien der Stadt / Gemeinde; Netzwerke auf- und ausbauen (Anm. 1)
Weshalb die Checkliste?
Eine enge, vertrauensvolle und zukunftsorientierte Zusammenarbeit zwischen Museum und Träger sollte eigentlich als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Warum dennoch das Papier? Weiß der DMB etwas darüber, dass es in einer relevanten Zahl von Museen und Ausstellungshäusern an guter Zusammenarbeit mit den Trägern mangelt? Werden solche Erkenntnisse gesammelt, ausgewertet und zugänglich gemacht, damit andere Häuser davon lernen können? Dies führt zur zweiten Frage: Wer innerhalb des DMB hat die Checkliste in Kooperation mit der Museumsberatung und -zertifizierung in Schleswig-Holstein erstellt? Es liegt nahe, dass dies ein erster Output des neuen Museumspolitischen Koordinators beim DMB ist.
Auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Checkliste dürfte kein Zufall sein, zielt sie doch direkt auf das zentrale Thema „Museen stärken Demokratie“ der DMB-Jahrestagung 2025. Dazu heißt es: „Die aktuellen politischen Ereignisse im In- und Ausland stellen den Zusammenhalt unserer Gesellschaft auf eine harte Probe. Krieg, eine erstarkende Rechte, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit führen zur Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft. (…) Doch Politik und Träger greifen immer wieder in die Arbeit der Museen ein, die Grenze zur legitimen Steuerung ist schmal.“ (Anm. 2) Hinzu kommt die Sorge um das liebe Geld, das aufgrund hoher Energiepreise und gestiegener Kosten für Dienstleistungen knapper ausfällt. Noch kann das zum Beispiel durch das Reduzieren der Zahl von Ausstellungen gemildert werden. Aber nicht nur im Land Berlin drohen den Etats für die sog. freiwilligen Leistungen empfindliche Einschnitte.
Wird die Checkliste ihrem eigenen Anspruch gerecht?
Die Checkliste „Zusammenarbeit mit Trägern gestalten“ erscheint in einer Situation, in der auch Museen in gesellschaftlicher, politischer und finanzieller Hinsicht unter wachsendem Druck stehen. Umso mehr ist das Papier zu begrüßen, da es helfen kann, eigene Handlungsspielräume zu erkennen und Instrumente zu entwickeln, um „den Einfluss von Politik und Trägern begrenzen zu können.“ Aus Sicht der Museen geht es also um nicht weniger als den Erhalt der eigenen Relevanz als Bildungsorte im Auftrag und im Dienst einer demokratischen Gesellschaft. Mit Blick auf diesen gewaltigen Anspruch erscheint die Checkliste jedoch nicht nur erstaunlich defensiv. Verblüffend geradezu die Zuversicht, dass es trotz der zu erwartenden Zunahme politischen und vor allem finanziellen Drucks auf die beschworene „Augenhöhe mit dem Träger“ ankomme. Der Dreiklang „Transparenz, Kommunikation und Gesellschaft“ zielt auf einen Austausch der im Grunde Gleichgesinnten. Der Tenor ist wohlwollend, basiert aber offenbar auf der Grundannahme, die weitere Existenz des Museums sei grundsätzlich gesichert. Das aber kann sich mit Blick auf den Ernst der Lage bei manchen Trägern als fatal erweisen. Denn in nicht wenigen Städten, Gemeinden und Kreisen stellt sich die Frage, wie sie es künftig wegen knapper werdender Haushalte mit den sog. freiwilligen Leistungen halten. Dazu gehören neben Schwimmbädern und Sportanlagen auch Büchereien, Theater und Museen. Immerhin geht es mit rund 2.500 Museen, die hierzulande von Kommunen getragen werden, um etwa ein Drittel aller Häuser! (Anm. 3)
Eigene Defizite kennen und Rolle des »Advocatus Diaboli« einnehmen!
Die Checkliste „Zusammenarbeit mit Trägern gestalten“ stellt die Stärken einer Einrichtung und ihre Bedeutung für den Träger ins Zentrum der Argumentation: „Wir tragen essenziell zum Wohle der Gesellschaft bei!“ Vollkommen richtig ist es zudem, die Leistungsfähigkeit des Hauses mit dem Wording von Verwaltung und Politik zu veranschaulichen und nachvollziehbar zu machen. Das allein genügt jedoch nicht.
Für die Vorbereitung des Austauschs mit dem Träger ist es aber mindestens so wichtig, dass das Museum sich selbst einen umfassenden Überblick über die eigenen Defizite bzw. eine etwaige Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erarbeitet. Denn: Sollte es in den Gesprächen hart auf hart kommen, wird das Gegenüber an genau diesen Punkten ansetzen. Indem ein Museum aber die Position des inneren Advocatus Diaboli annimmt und möglichst alle Fakten und Argumente – und ganz besonders die negativen – konsequent durchdekliniert, zum Beispiel in einem Rollenspiel, schützt das Haus sich nicht nur gegen den Verlust der Objektivität, sondern auch vor Fehlern wie Selbstüberschätzung oder Betriebsblindheit. Was aber heißt das konkret? Hier eine Auswahl möglicher Felder, an denen Träger „ansetzen“ könnten.
Besuchsdaten / Frequentierung
Kritik: Das Museum hat nur 12.000 (physische) Besuche im Jahr. Weshalb sollte der Träger für durchschnittlich 250 Besuche pro Woche ein Museum samt Belegschaft betreiben? Faktencheck: Tatsächlich zählen etwa 60 Prozent aller hiesigen Museen bis 5.000 Besuche pro Jahr. Weitere 11% haben bis zu 10.000 und weitere 6,4% kommen auf bis zu 15.000 Besuche. Trost: Ihr Haus „spielt“ in einer Liga mit etwa 77% aller Museen. (Anm. 4)
Dilemma: Es gehen mehr Leute zu den Heimspielen des ortsansässigen Amateurfußballvereins, in die Gemeindebücherei oder ins lokale Kino (Anm. 5) und das Hallenbad wurde aus Kostengründen bereits geschlossen. (Anm. 6)
Kritische Selbstbefragung: Können Sie vor diesem Szenario überzeugend die Frage beantworten, weshalb genau Ihr Haus unverzichtbar ist? „Museum muss sein!“ – analoges Postulat zu Bühnen und Theatern – wird als Argument künftig wohl eher nicht reichen.
„Unser Museum ist der Treffpunkt für alle!“
Glückwunsch! Dann machen Sie im Sinne einer „eierlegenden Wollmilchsau“ das Unmögliche möglich. Aber: Welche Bevölkerungsgruppen kommen tatsächlich in Ihr Haus? Die „üblichen Verdächtigen“, d.h. die ohnehin kulturaffinen? Erreichen Sie den sagenumwobenen „Nichtbesucher“? Wenn nein, weshalb nicht? (Anm. 7) Trifft das Angebot Ihrer Ausstellungen wirklich den Bedarf des Publikums?
Faktencheck: Schätzungen zufolge gehen lediglich acht bis zehn Prozent der bundesdeutschen Bevölkerung regelmäßig in Museen und Kulturbetriebe. 2024 sollen es nicht einmal fünf Prozent gewesen sein. (Anm. 8) Mit Blick auf diese Zahlen erscheinen markige Sprüche wie „117 Millionen – Mehr Besuche als die Fußballliga!“ wie ein Witz. „Was erlaube?“ In unserer höchsten Fußballklasse spielen 18 Clubs. Wie viele Besucher haben die „Top 18“ der deutschen Museen im Jahr? 15 bis 20 Millionen? Auch nach 45 Jahren unablässiger Bemühungen um den kulturbeflissenen Bürger bleibt Hilmar Hoffmanns Dictum „Kultur für alle!“ offensichtlich eine Utopie. Und das weiß auch der Kämmerer.
„Wir sind der Begegnungsort für Jung und Alt!“
Das ist zweifelsfrei wichtig, denn es stärkt und befördert das gesellschaftliche Miteinander!
Faktencheck: Ist das Museum tatsächlich konsequent barrierefrei? Da führt zwar eine neue Rampe zum Eingang, aber leider ist der Empfangstresen zu hoch und er bietet keine Unterfahrbarkeit für Rollstühle. Die Beleuchtung ist aus konservatorischen Gründen reduziert („Leuchtlupen sind nicht gestattet!“); Sitzgelegenheiten innerhalb der Ausstellungsräume gibt es kaum („Wir sind doch kein Altersheim!“); Beschreibungen hängen tief und die Schrift ist dezent klein („Wir sind ein Ort der Ästhetik!“); junge Familien heißen wir herzlich willkommen, aber Kinderwagen, die mit Windeln, Keksen und Getränken vollgepackt sind, gehen nicht („Gefahr der Kollision mit Vitrinen oder Exponaten!“); da die neue Spielecke für Kleinkinder zum Toben einlädt („Die Eltern wollen in Ruhe Kaffee trinken.“), müssen die Besucher der Gemäldegalerie im Nebenraum eben auf Ruhe und Muße verzichten („Bitte um Verständnis, aber wir sind ein Ort, der für alle offen ist!“). (Anm. 9) „Aber wir erreichen die jungen Menschen!“ Womit? Mit Multimediastationen, die – wenn sie denn funktionieren – dem technischen und gestalterischen Niveau von Computerspielen der kommerziellen Unterhaltungsindustrie abgeschlagen hinterherhinken?
„Aber dafür bieten wir die Begegnung mit einzigartigen Originalen!“ Das ist korrekt, aber wie relevant ist die „Aura des Originals“ tatsächlich in Zeiten, in denen Plagiate und selbst leicht erkennbare Fälschungen für viele Konsumenten zu einem „echten“ Statussymbol geworden sind? Kritische Selbstbefragung: Stimmen Anspruch und Wirklichkeit tatsächlich überein?
„Wir sind für die Stadtgesellschaft da!“
Das sollte selbstverständlich sein.
Faktencheck: Wie intensiv kooperiert Ihr Haus tatsächlich mit lokalen Vereinen, Gruppierungen und Einrichtungen? Sind Kindergärten, Seniorenheime, Sport- und Musikvereine regelmäßig zu Gast? Und umgekehrt: Wie mobil ist Ihre Einrichtung? Greifen Sie die typischen Themen auf, die unsere Gesellschaft durch das Jahr begleitet: Zeigen Sie an Weihnachten Weihnachtliches, an Ostern Österliches und an Halloween Halloweeniges? Oder überlassen Sie derlei Themen dem ehrenamtlich geführten Heimat- und Verschönerungsverein?
Kritische Selbstbefragung: Gehen Sie dorthin, wo die Menschen sind und interessieren Sie sich tatsächlich für ihre Lebensbedingungen? Wie ich darauf komme? Anfang September 2024 hat die Sächsische Landesstelle für Museumswesen in Leipzig die Tagung „Kennzeichen Museum!? Wege zur Qualitätssicherung von Museumsarbeit“ durchgeführt. Eine der Arbeitsgrundlagen war die immer häufiger zu hörende Klage der Museen, über „das mangelnde Verständnis seitens der Träger und kulturpolitischen Entscheider“. (Anm. 10) So sehr dieser Ansatz berechtigt sein mag, sollte man dem Problem nicht mit Nabelschau begegnen. Aber wie zum Beweis für dieses Verhalten: Für den Vortag der Tagung haben die Veranstalter ein Begleitprogramm erarbeitet – Exkursionen durch Leipziger Museen. Das aber ist so naheliegend wie uninspiriert, denn Fachleute aus Museen sollten durchaus in der Lage sein, sich die örtlichen Häuser in Eigenregie zu erschließen. Wäre es nicht nützlicher, den Gästen jene Stadt oder Region näher zu bringen, in der man tagt? Warum nutzt man nicht die Chance, um über den Tellerrand zu blicken und ein Verständnis für die lokalen Chancen und Schwächen einer offensiven Museumsarbeit zu entwickeln? Nein, dann lieber Rückzug in die Wagenburg von Seinesgleichen, um über tatsächliche oder vermeintliche Anfechtungen zu klagen und sich über Strategien für den Eigenschutz auszutauschen! Dabei geht es auch anders. Am Vortag der DMB-Jahrestagung 2025 „Museen stärken Demokratie“ bieten immerhin zwei von acht Auftaktveranstaltungen die Möglichkeit, mehr über die Gastgeberstadt Chemnitz und die Wirklichkeit der dort lebenden Menschen zu erfahren. (Anm. 11) Unsere Museen sollten viel häufiger ein solches Interesse an der Gesellschaft zeigen, in deren Auftrag und für deren Bestes man doch unermüdlich tätig ist.
„Wir gehen verantwortungsvoll mit den Finanzmitteln um!“
Auch das sollte selbstverständlich und nicht der Rede wert sein, denn öffentliche Steuergelder sind Ihre Existenzgrundlage.
Faktencheck: In nicht wenigen Museen lagern Tonnen von Ausstellungskatalogen und -broschüren. Und das sind nicht nur Überkapazitäten längst vergangener Zeiten, sondern bis heute wird munter produziert – obschon bekannt ist, dass gedruckte Kataloge meist ein Zuschussgeschäft sind. Vertraute Schlagworte: Dokumentation für Leihgeber wie Ausstellungsmacher, Ausdruck von Wertigkeit oder wissenschaftliches Standardwerk usw.
Die Transportwege: Tausende von Museen hierzulande stellen jede Menge Exponate aus, von denen etliche andernorts ausgeliehen und mit großem Aufwand hin- und zurückbewegt werden müssen. Mit Kopien geht das doch deutlich günstiger.
Oder das Marketing: Erstaunlich viele Museen hierzulande bewerben ihre Häuser und Ausstellungen trotz angeblich leerer Kassen in Printmagazinen, deren Reichweite und Verbreitung homöopathisch ist – freundlich formuliert. Während die Leitung einerseits über knappe Etats klagt, verpulvert das Marketing anderseits die Mittel für Medien, die Nabelschau und Hochglanz bieten, statt Inhalt und Reichweite. Effizienter, sparsamer und verantwortungsvoller Einsatz der Mittel ist anders! (Anm. 12) Das Klagen der Kultureinrichtungen über finanziellen Mangel dürfte so alt sein wie die Institution selbst. Fakt ist aber: Allein 2020 sind die Ausgaben von Bund, Ländern und Gemeinden für den Sektor Kultur um fast 16 Prozent gestiegen! (Anm. 13) Blickt man aber auf die Herausforderungen der nächsten Jahre (Wirtschaft, innere und äußere Sicherheit sowie Soziales) sollten Kulturbetriebe darauf vorbereitet sein, dass es künftig schwieriger werden wird – nicht nur in finanzieller Hinsicht.
„Wir sind ein schlankes, aber effektives Team!“
Das hört jede Verwaltung gern, reizt aber zu einem Rundumblick.
Faktencheck: Wie steht es um Krankenstand und Vorruhestand innerhalb des Teams? Liegen die Werte im Durchschnitt aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommune? Liegen Sie darunter? Weshalb? Damit kann man punkten! Liegen sie darüber? Weshalb? Das kann zum Nachteil gereichen!
Kritische Selbstbefragung: Wie steht es um die Zahl der Beschäftigten? Ist die wirklich schlank oder hat man doch „Fett“ angesetzt? Unerhörter Gedanke in diesen Zeiten? Das Land Berlin muss ab diesem Jahr rund 130 Millionen Euro einsparen, der Kultursektor soll um 16 Prozent gekürzt werden. Aber gleichzeitig schreibt die Stiftung Stadtmuseum Berlin die Position einer Assistenz für Interne Kommunikation aus. Das wäre nicht der Rede wert, wenn in dem 200 Menschen umfassenden Team des Hauses nicht bereits 18 Personen wären, die ganz, überwiegend oder teilweise für das interne Miteinander tätig sind. Das macht etwa zehn Prozent der gesamten Belegschaft aus! Kulturbetriebe und auch Wirtschaftsunternehmen vergleichbarer Größe kommen mit ein bis fünf Prozent aus. Sparen sollen andere, wir Museen müssen unsere Interna klären, sprich „Nabelschau“ betreiben. (Anm. 14)
„Wir sind ein Ort der Bildung!“
Das ist ein hehres Ziel, das derzeit – auch vom DMB – nahezu inflationär genannt wird, um die eigene Relevanz zu unterstreichen und wohl auch, um an Fördermittel zu kommen.
Faktencheck: Was genau leistet Ihre Einrichtung im Feld der Bildung? Wie intensiv arbeiten Schule und Museum zusammen? Besuchen alle Schülerinnen und Schüler der örtlichen Schulen mindestens einmal pro Jahr Ihr Haus? Wen erreicht die Vermittlung und was bringt sie? Gibt es belastbare Zahlen und Werte über den Wissensstand vor und nach dem Besuch der Ausstellungen? Oder sollte es die wegen der regelmäßig desaströsen Erfahrungen mit der PISA-Studie besser nicht geben? PISA-Schock: „Obwohl wir immer mehr Aufwand betreiben, werden die Ergebnisse immer entmutigender.“ Der Begriff Bildung umfasst alles, was geeignet ist, um Kompetenzen wie Wissen, Denken und Kommunizieren zu entwickeln. Neben Schule sind das zum Beispiel auch Zoo, Podcast, Musikverein oder die geführte Wattwanderung und sogar das vielgescholtene Fernsehen. (Anm. 15) Welchen konkreten Bildungsansatz bietet Ihr Museum? Was genau macht das Haus zu einem relevanten außerschulischen Lernort? Der Verweis auf das Original? Auch in Museen, die aus den verschiedensten Gründen Nachbildungen ausstellen (und sogar ausdrücklich auf diese hinweisen), fällt das Interesse der Besucher/innen am Exponat nicht merklich ab.
Die Bildung selbst, zentraler Auftrag und Anspruch der Museen, ist ein weiteres brennendes Thema. Erfolg in der Schule hängt immer noch stark vom Elternhaus ab, d.h. junge Erwachsene aus Familien mit formal gering qualifizierten Eltern weisen eine auffällig geringe Bildungsbeteiligung auf und bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte liegt der Bildungsstand deutlich unter dem der restlichen Bevölkerung. Museen könnten Abhilfe schaffen, indem sie Veranstaltungen für Eltern und Kinder anbieten – auf Deutsch. Denn: Sprache ist die Mutter aller Integration, weit vor Bastel- und Malkursen. Hier könnten Museen sich bei jenen, die wirklich Hilfe benötigen, als die außerschulischen Lernorte positionieren, die sie so gerne sein wollen.
„Wir sind ein unverzichtbarer Ort der Demokratiebildung!“
Ähnlich wie bei der Bildung wird auch dieses Thema in gesellschaftlich und politisch angespannten Zeiten nahezu omnipräsent gebraucht. Auch die DMB-Jahrestagung 2025 „Museen stärken Demokratie“ betont vor dem Hintergrund von Krieg, einer erstarkenden Rechten, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit, die zur Spaltung und Polarisierung der Gesellschaft führen, ihre Rolle als Bollwerk gegen Demokratiefeindlichkeit.
Faktencheck: Um Demokratie zu fördern, bieten Museen Räume für kritische Auseinandersetzungen und öffentliche Debatten. Mit Ausstellungen und Veranstaltungen ermöglichen sie es den Gästen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und sich mit Fragen von Gerechtigkeit, Freiheit und Menschenrechten auseinanderzusetzen. Der Dialog über zentrale demokratische Werte wie Toleranz, Pluralismus und Partizipation wird gefördert und die historische sowie aktuelle Bildung wird vertieft. Auf diesen und vielen weiteren Wegen leisten Museen einen Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft und zur Förderung eines aktiven, informierten Publikums.
Kritische Selbstbefragung: Wird aber all jenes, was gut gemeint ist, auch wirklich gut gemacht? Und: Spiegeln die Museen überhaupt jene Themen, die die Menschen bewegen? Zweifel daran sind berechtigt. Im Sommer 2024 hat Marion Ackermann, immerhin künftige Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die nach ihrer Ansicht drängendsten Fragen genannt, die auch vor Museen nicht halt machen: „Folgen des Brexit, der Antisemitismus, das Erbe des Kolonialismus oder die Bedrohungen durch den Klimawandel.“ (Anm. 16) Die Einschätzung der Kunsthistorikerin deckte sich aber schon damals nicht entfernt mit dem, was die Menschen „da draußen“ beschäftigt. Tatsächlich halten 37 Prozent der Deutschen Zuwanderung bzw. Flucht für das wichtigste Thema, gefolgt von Wirtschaft (34%). Mit großem Abstand folgen Krieg und Frieden (14%), Umwelt und Klima (13%) sowie die soziale Ungerechtigkeit (11%). (Anm. 17) Selbstredend erhebt auch der DMB den Anspruch, polarisierenden Desinformationen vorzubeugen und so zur Prävention von Extremismus und Populismus beizutragen. Unter dem Motto „Toleranz und Verständigung“ betonte die DMB-Jahrestagung 2024, dass Museen „durch Offenheit, Multiperspektivität und Meinungsaustausch Verständigung, Toleranz und Vielfalt“ fördern. (Anm. 18) Die Liste der Themen ist lang, die Museen aufgreifen könnten, um sie ihrer Bedeutung und Komplexität entsprechend sorgfältig aufzubereiten, nüchtern abzuwägen und unaufgeregt darzustellen – auch, um Vorurteile bei der Bevölkerung abzubauen und unzulässigen Verkürzungen zu begegnen.
Aber, mit Verlaub, bei welchen jener Themen, die die Menschen laut aktuellen Umfragen am meisten beschäftigen, werden die Museen ihrem selbstgestellten Anspruch gerecht? Kann es sein, dass unsere Museen bereits die gute Absicht für die gute Tat halten? Kann es sein, dass Museen und Ausstellungshäuser jene Themen, die das sog. einfache Volk als drängend betrachtet, offensichtlich als zu primitiv, zu politisch, zu heikel oder zu unkontrollierbar aussortieren? Überlässt man sie deswegen der Polizei und Rechtsprechung bzw. den Politikern, Sozialarbeitern, Psychiatern, Sportvereinen, Kirchen und (analogen wie digitalen) Stammtischen oder – noch schlimmer – den Stimmenfängern von links und rechts? Die Ergebnisse der Bundestagwahl 2025 zeigen, wohin das führt. Dürfen öffentliche geförderte Einrichtungen sich die ihnen genehmen Themen aussuchen, unliebsame meiden und zugleich den Anspruch erheben, unverzichtbare Orte der Bildung für die Breite der Gesellschaft zu sein? Von welcher Klientel versprechen sie sich Beifall? Von Gebildeten, Urbanen und Besserverdienenden? Die kommen doch eh schon ins Museum. Angeblich will man auch jene erreichen, die bislang an den Türen der Kulturbetriebe vorbeigehen. Oder gilt etwa die Maxime: „Meinungsfreiheit? Ja, aber nur so lange wir uns einig sind!“ Stellen sich die Museen tatsächlich jenen Fragen, die die Mitte der Gesellschaft beschäftigen? Stellvertretend sei hier die DMB-Publikation „Museen, Migration und kulturelle Vielfalt Handreichungen für die Museumsarbeit“ von 2015 genannt. Auf insgesamt 44 Seiten werden die Schlüsselbegriffe „Partizipation“ und „Multiperspektivität“ zur Maxime erhoben und Migration als Chance für neue Formen der Vermittlungsarbeit gefeiert. Kein Wort jedoch über den musealen Umgang mit den unübersehbaren negativen Begleiterscheinungen, die unter anderem mit unerlaubter Einreise und Schleuserkriminalität einhergehen. Verschweigen löst keine Probleme.
Noch genießen Museen ein relativ hohes Vertrauen – zumindest bei denjenigen, die die Angebote der Häuser nutzen. Aber solch ein Bonus kann schnell verspielt sein. Das erfahren seit geraumer Zeit unter anderem die öffentlich-rechtlichen Medien, denen von wachsenden Teilen der Bevölkerung die Glaubwürdigkeit abgesprochen wird und zugleich in die Kritik der Politik geraten – nicht nur wegen der Rundfunkgebühren.
Öffentlich-rechtliche Medien werden selbstkritischer
Das im April 2024 online veröffentlichte „Manifest für einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk“ hat für Aufsehen gesorgt. Dort forderten etwa 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ARD, ZDF und Deutschlandradio, die zunehmend an der Balance des Programms zweifeln und vor allem innerhalb der Redaktionen keinen Raum für konträre Meinungen sehen, unter anderem mehr Meinungs- und Informationsvielfalt, mehr Ausgewogenheit und Fairness sowie mehr Transparenz und Unabhängigkeit in der Berichterstattung. (Anm. 19) Bereits zuvor hat sich Stefan Brandenburg, Chefredakteur Aktuelles beim WDR, unter dem Titel „Wir sind uns zu ähnlich“ in der ZEIT zu Wort gemeldet. (Anm. 20) Ausgehend von der Erhebung des ARD-Deutschlandtrends, wonach 60 Prozent der Menschen hierzulande angeben, bei bestimmten Themen ausgegrenzt zu werden, wenn man seine Meinung sagt, (Anm. 21) müssten viele gesellschaftliche Akteure Selbstzweifel bekommen, darunter Journalisten und – so mein Zusatz – auch die Verantwortlichen in Museen und Ausstellungshäusern.
Konkret fragt Brandenburg danach, wie viel „Lebenswirklichkeit“ noch in den Redaktionen ankommt und er benennt zwei Probleme, die der Aufgabe der Multiperspektivität im Wege stehen: „Wir sind uns zu ähnlich. In unserer Herkunft, in unserer Ausbildung, in Wohnorten und Lebensweise. Und wir gleichen uns noch weiter an, wenn wir nichts dagegen tun. Diese Tendenz zur Anpassung kennen alle Redaktionen – Meinungsführerschaft, Trampelpfade, Korridore. (…) Es geht eher um das wohlige Gefühl, sich einig zu sein, auf der richtigen Seite zu stehen. Wir brauchen aber Perspektivvielfalt auch da, wo es schmerzhaft wird. Und selbst da, wo die Frage nicht weit ist: Nutzt dieses Thema nicht der AfD? (…) Wie setzen wir das um? Schlüssel ist die Debattenkultur. Nicht den schnellen Konsens suchen, sondern den Widerspruch. Kann man das auch anders sehen? – diese Frage kann nicht oft genug gestellt werden. (…) Nicht das Geschäft der falschen Leute betreiben zu wollen, ist ein ehrenwertes Motiv. In der Konsequenz führt es dazu, dass Teile der Gesellschaft uns nicht mehr zuhören. Erst das Benennen von Missständen legt denen das Handwerk, die von der Behauptung leben: Außer uns sagt es niemand.“ (Anm. 22) Diese Einschätzung und Erkenntnis des Nachrichtenmannes gilt meines Erachtens auch für unsere Museen und Ausstellungshäuser.
Wo also bleibt die Multiperspektivität in den Museen? Sind unsere öffentlichen Kulturbetriebe einspurig, kurzsichtig oder treibt die Sorge sie um, durch konstruktiv-kritische Ausstellungen und dergleichen Wasser auf die Mühlen der Extremen zu lenken? Gerade Museen sollten qua ihrer Expertise willens und in der Lage sein, Chancen und Risiken sowie Stärken und Schwächen von aktuellen und künftigen gesellschaftlichen Entwicklungen zeitnah aufzugreifen, gründlich zu beleuchten, nachvollziehbar darzustellen und umsichtig zu kommunizieren. Vor allem, um jene zu unterstützen, die für eine offene Gesellschaft eintreten, denen aber die Argumente und / oder die Kraft fehlen, sich in ihrem jeweiligen Umfeld zu behaupten.
Gerade öffentlich finanzierte und getragene Einrichtungen sollten selbstverständlich unter möglichst vielen Perspektiven auch Unangenehmes thematisieren – selbst, wenn es weh tut. Aber, weitgehend Fehlanzeige. Einige, wenige Ausnahmen gibt es: Die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt des Landes Berlin hat die Berliner Landesmuseen beauftragt, ein Konzept für eine nachhaltige Verankerung der Migrationsgeschichte Berlins im 20. und 21. Jahrhundert in den Berliner Landesmuseen zu erarbeiten. Unter dem Arbeitstitel „Projekt Migration 2.0“ soll ein kleines Team von Fachleuten der Migrationsgeschichte das Vorhaben einer größeren performativen Diskurs-Veranstaltung umsetzen, der die Maxime zugrunde liegt, „Migration als Normalfall und gesamtgesellschaftliche Perspektive“ zu verstehen. Auch das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven wird aktiv: Das mehrjährige Projekt „Vermittlung und Aufklärung im Zeitalter von Triggern und Emotionalisierung“ will erforschen, „wie sich historisches und aktuelles Migrationsgeschehen museal vermitteln lässt, ohne zu emotionalisieren. Wissensstände und Meinungsbildungsprozesse inner- und außerhalb des Museums werden hierzu evaluiert und methodisch weiterentwickelt.“ (Anm. 23) Auf Konzept, Durchführung, Tenor und Erkenntnisse dieser Vorhaben darf man gespannt sein.
Erste Erfahrungen mit dem Ansatz „Museum als Ort kontroverser Debatten“ hat das Deutsche Hygiene-Museum Dresden (DHMD) gesammelt. Im Rahmen des Projektes „Museen als aktive Orte der Demokratie“ hat man 2021 das Austauschformat „Dresden im Gespräch“ ins Leben gerufen. Anhand zugespitzter Fragen wie zum Beispiel „Führt Gendern zu mehr Gerechtigkeit?“ oder „Ist nachhaltig nur etwas für Reiche?“ wird diskutiert. Zu den Erkenntnissen heißt es unter anderem: „Menschen nutzen das Museum nicht nur als Wissensvermittlungsort, sondern auch als Diskussionsraum und Ort des Austauschs. (…) Feststellen müssen wir aber auch, dass die Formate ein überwiegend akademisches Publikum anziehen und dass wir Menschen mit Migrationsgeschichte eher selten erreichen. Diskursmächtigkeit ist ein Elitenprivileg und damit eine Zugangsbarriere.“ (Anm. 24)
Während manche Häuser die Zeichen der Zeit verstanden haben und jene Aspekte konstruktiv-kritisch aufgreifen, die die Menschen tatsächlich beschäftigen, findet man bei den meisten Häusern und Verbänden hehre Worte und Absichten, denen man inhaltlich nicht widersprechen kann, die aber mit Blick auf die Praxis wenig konkret sind.
Museen, raus aus der Komfortzone! Es ist noch nicht zu spät!
Was, wenn das Publikum merkt oder längst bemerkt hat, dass Museen sich lieber in ihrer professionellen Blase bewegen? Was, wenn der potenzielle Bucher erkennt, dass die Verantwortlichen in den Kultureinrichtungen sich gar nicht für die Menschen interessieren, sondern vorwiegend für ihre eigenen Anliegen? Weshalb aber sollten sich die Menschen ihrerseits für den Kulturbetrieb interessieren? Höchste Zeit, dass unsere Museen sich Gedanken darüber machen, wie sie die nicht zu übersehende Grenze zwischen ihnen selbst und der Gesellschaft überbrücken. Nicht, dass es den öffentlichen Museen und Ausstellungshäusern hierzulande eines Tages geht wie unserem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem inzwischen nicht mehr nur die AfD, sondern auch Politiker von CDU bis SPD ans Geld und / oder an die Inhalte und Strukturen wollen! Noch ist es nicht zu spät. Museen – prüft Euer Narrativ! Bildung, Toleranz, Vielfalt, Kreativität, Offenheit, Kritik- und Diskursfähigkeit … Die von Museen, ihren Verbänden und ihren Lobbyisten so griffig propagierten Anliegen für eine lebenswerte Gesellschaft sind vollkommen richtig. Dennoch gilt mit Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ Um Wirksamkeit zu entfalten, müssen die Begriffe konkretisiert, nachvollziehbar aufbereitet und mit den Menschen verhandelt werden. Genau danach werden die Träger der Museen künftig noch dezidierter fragen, um entscheiden zu können, welche kommunale Einrichtung mit welchen Mitteln ausgestattet wird. Stimmt die Vision (Leitbild) mit dem überein, was Euer Museum tut bzw. anstrebt? Welches Plus für die Gesellschaft bietet Ihr, das nicht längst und viel publikumswirksamer vom Stadtfest, Weihnachtsmarkt, Kino, Streichelzoo, Kirchenchor oder Wanderverein geleistet wird? Was macht Ihr tatsächlich anders, besser und unverzichtbar? Schließen oder Fusionieren sollen andere … Sie sind empört? Schon das Wort „Schließung“ formulieren, heißt, das Szenario heraufbeschwören? Was aber, wenn es mit dem Träger der Einrichtung tatsächlich zu dem Worst Case-Gespräch kommen sollte? Empfehlung: Bereiten Sie sich auch darauf vor. Machen Sie sich klar, welche Einrichtungen in Ihrer näheren oder weiteren Umgebung bereits geschlossen worden sind oder fusioniert haben. Von dem dramatischen Sterben der Schwimmbäder haben wir bereits gehört. Auch Tausende von Turnhallen und Sportplätzen sind in derart schlechtem Zustand, dass sie gegebenenfalls den Betrieb einstellen müssen. (Anm. 25) Diese Entwicklung hat man in unseren Museen meist achselzuckend zur Kenntnis genommen. Verständlich, denn man war mit „Wichtigerem“ befasst: In dem Maße, wie die Zahl der Bäder hierzulande geschrumpft ist, ist zwischen 1998 und 2022 die Zahl der Museen von 5.376 auf 6.808 gestiegen. Ein Zuwachs von mehr als 25 Prozent! (Anm. 26) Da bleibt keine Zeit zur Solidarisierung mit den betroffenen Kollegen vom Sportamt in Dezernat 5. Aber es wird lamentiert, wenn die Kollegen, die in der Baukolonne nicht mehr können, als „Wärter“ ins Museum abgeschoben werden. Jeder ist sich selbst der nächste … Auch von Fusionen hört und liest man immer häufiger: Kirchengemeinden, Sportvereine, Chöre, freiwillige Feuerwehren usw. werden zusammengelegt. Zu wenige Mitglieder bzw. Aktive, zu hohe Kosten … Archive und Bibliotheken benachbarter Gemeinden fusionieren. Seit 2010 ist die Zahl der öffentlichen Bibliotheken hierzulande um etwa 17 Prozent gesunken. (Anm. 27) In Sachsen ist die erste ökumenische Akademie deutschlandweit geplant. Nach gut 500 Jahren Entzweiung von Protestanten und Katholiken rückt man nun zusammen. Neben dem Ziel, auf gesellschaftlicher und theologischer Ebene wieder in einen lebhaften Austausch zu kommen, drängen massive finanzielle Probleme: Das katholische Bistum Dresden-Meißen muss ab 2026 ein Drittel seines Haushaltes einsparen. (Anm. 28) Was bei Zivilgesellschaft und Kirchen geht, ist undenkbar für Museen? Weshalb? Weil die Lobbyisten des Bildungsbürgertums es besser verstehen, für ihre kulturellen Bedürfnisse zu argumentieren? An der Notwendigkeit, dass Museen flächendeckend in jedem Ort stehen sollten, kann es nicht liegen, denn sonst wären jene Millionen Menschen, die seit jeher in museumslosen Orten leben, längst geistig und seelisch verkümmert. Und machen wir uns nichts vor: Bei Museen und Ausstellungshäusern geht es „nur“ um Kunst und Kultur und nicht um Grundbedürfnisse wie Nahrung, Energie, Schutz und Gesundheit. Auch deshalb werden unsere Kulturbetriebe wohl auf absehbare Zeit nicht in jenen exklusiven Kreis der kritischen Sektoren aufgenommen, wie sie in NIS-2 und im KRITIS-Dachgesetz definiert sind. (Anm. 29) Weshalb ich darauf hinweise? Am 28. Januar 2025 wurde die Krankenhausreform „scharf gestellt“. Für rund 1.900 Krankenhäuser wird sich hierzulande in den nächsten Jahren Grundlegendes ändern. Neue Aufgaben, Bettenabbau, Kompetenzverluste und auch Schließungen stehen an. Wenn selbst jenen Einrichtungen, die für unsere Gesundheit, d.h. für unser höchstes Gut arbeiten, ein radikaler Umbau zugemutet werden kann, sind Museen und Ausstellungshäuser gut beraten, das Undenkbare zu denken und gemeinsam mit den Kulturbetrieben in der näheren und weiteren Umgebung Optionen wie intensive Zusammenarbeit und / oder Fusion durchzuspielen. Besser gesundschrumpfen als überdehnt verhungern. Besser Umbau in Eigenregie als Spielball Dritter. Deshalb: Nutzen Sie das Instrument der Checkliste „Zusammenarbeit mit Trägern gestalten“ und blicken Sie durch die Augen des „Advocatus Diaboli“ auf Ihr Haus. Dadurch bewahren Sie Objektivität und schützen sich vor Selbstüberschätzung oder Betriebsblindheit. Seien Sie Ihr härtester Kritiker!
Dr. Berthold Schmitt, Herausgeber der Fachzeitschrift KulturBetrieb
Anm. 1: Vgl. Checkliste: https://www.museumsbund.de/publikationen/checkliste-zusammenarbeit-mit-traegern/
Anm. 2: DMB-Jahrestagung 2025, Museen stärken Demokratie, Chemnitz, 4. bis 7. Mai 2025; Quelle: www.museumsbund.de/aktuelles/jahrestagung/; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 3: Vgl. Verteilung der Museen in Deutschland nach Trägerschaft im Jahr 2022, in: Statista, 14.10.2024; Quelle: de.statista.com/statistik/daten/studie/28284/umfrage/verteilung-der-museen-in-deutschland-nach-traegerschaft/; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 4: Vgl. Gruppierte Besuchszahlen 2022, in: Zahlen und Materialien aus dem Institut für Museumsforschung für das Jahr 2022 (Bd. 78), Berlin 2024, S. 35; Quelle: journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/ifmzm/issue/view/7117; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 5: Vgl. Die Besuchszahlenentwicklung von Museen, Ausstellungshäusern, (Sprech-)Theatern, Musiktheatern, Orchestern, Kinos und Bibliotheken 2019-2022, Teil 2, in: Zahlen und Materialien aus dem Institut für Museumsforschung für das Jahr 2022, S. 30.
Anm. 6: Deutschlandweit gibt es laut Bäderatlas 5.930 Schwimmbäder, von denen zwischen 2001 und 2017 durchschnittlich jährlich 80 geschlossen worden sind und in den nächsten drei Jahren könnten 800 weitere Bäder von der Schließung bedroht sein. Vgl. 800 Schwimmbäder vor dem Aus? DLRG fordert Bund, Länder und Gemeinden zum Handeln auf, in: DLRG, 14.01.2025; Quelle: www.dlrg.de/news/news-detail/800-schwimmbaeder-vor-dem-aus-dlrg-fordert-124624-n/; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 7: Vgl. Berthold Schmitt, Wie erreicht man die, die nicht kommen? Der Nicht-Besucher bleibt ein großes Rätsel, in: KulturBetrieb, eins 2023, S. 78-80
Anm. 8: Vgl. Björn Thümler, Museumspolitik ist Standortpolitik, in: Matthias Dreyer und Rolf Wiese (Hrsg.), Den Museumsstandort entwickeln und stärken. Impulse, Strategien und Instrumente (Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg; Bd. 100), Ehestorf 2020, S. 14. Laut AWA – Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse, gab es 2024 in der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre rund 2,74 Millionen Personen, die regelmäßig Museen, Galerien oder Kunstausstellungen besuchten. Vgl. Anzahl der Personen in Deutschland, die Museen, Galerien oder Kunstausstellungen besuchen, nach Häufigkeit von 2019 bis 2024, in: Statista, 18.12.2024; Quelle: de.statista.com/statistik/daten/studie/171176/umfrage/haeufigkeit-des-besuchs-von-museen-galerien-kunstaustellungen/; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 9: Die hier genannten und viele ähnliche Punkte sind Alltag in unseren Museen. Und auch das Dilemma Spielplatz vs. Kontemplation ist Realität.
Anm. 10: Sächsische Landesstelle für Museumswesen; Quelle: museumswesen.skd.museum/fortbilden/; Abfrage: 28.08.2024
Anm. 11: Vgl. die Auftaktveranstaltungen „Outreach Sonnenberg“ und „Orte der Begegnung“ der DMB-Jahrestagung, 04.-07.05.2025; Quelle: www.museumsbund.de/auftaktveranstaltungen-2025/; Abfrage: 28.02.2025
Anm. 12: Vgl. B. Schmitt, Museen, werbt zielführend, oder lasst es … oder: Wenn eh kein Geld da ist, kann man es auch gleich verschwenden!, in: KulturBetrieb, zwei 2023, S. 80 f.
Anm. 13: Vgl. Öffentliche Kulturausgaben 2020 um fast 16% gestiegen, in: DESTATIS. Statistisches Bundesamt, 13.12.2022; Quelle: www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/12/PD22_531_216.html; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 14: Vgl. B. Schmitt, Stadtmuseum Berlin sucht Assistenz für Interne Kommunikation, in vorliegender Ausgabe von KulturBetrieb.
Anm. 15: Vgl. B. Schmitt, Sind Museen Bildungseinrichtungen? Ja! Aber wo genau ist ihr Platz innerhalb unseres Bildungssystems?, in: KulturBetrieb, eins 2021, S. 48 f.
Anm. 16: Thomas E. Schmidt und Tobias Timm, Weniger Geld, weniger Einfluss, mehr Erwartungen. Mission impossible, Frau Ackermann, in: DIE ZEIT, 18. Juli 2024, S. 46
Anm. 17: ARD-DeutschlandTrend, Migration und Wirtschaft wichtigste Themen, 09.01.2025; Quelle: www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-3454.html; Abfrage: 14.02.2025
Anm. 18: Deutscher Museumsbund bezieht Position zur gesellschaftlichen Rolle der Museen; Quelle: www.museumsbund.de/deutscher-museumsbund-bezieht-position-zur-gesellschaftlichen-rolle-der-museen/; Abfrage: 14.02.2025
Anm. 19: Das Manifest im Wortlaut: Für einen ausgewogenen Rundfunk, in: The European, 04.04.2024; Quelle: www.theeuropean.de/gesellschaft-kultur/das-original-dokument-im-wortlaut-fuer-eine-reform-des-oerr; Abfrage: 14.02.2025
Anm. 20: Stefan Brandenburg, Wir sind uns zu ähnlich, Der öffentlich-rechtliche Rundfunk braucht mehr Meinungsvielfalt, auch da, wo es wehtut und eigenen Überzeugungen widerspricht, in: Die ZEIT, 27.03.2024, Nr. 14, S. 24.
Anm. 21: Vgl. ARD-DeutschlandTrend: Knappe Mehrheit gegen AfD-Verbotsverfahren, in: Tagesschau, 01.02.2024; Quelle: www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/deutschlandtrend-3414.html; Abfrage: 14.02.2025
Anm. 22: Stefan Brandenburg, Wir sind uns zu ähnlich, a.a.O.
Anm. 23: Stiftung Stadtmuseum Berlin; Quelle: stadtmuseum.onlyfy.jobs/job/w9ciauzm; Abfrage: 28.08.2024; Deutsches Auswandererhaus; Quelle: dah-bremerhaven.de/stellenangebot-sozialwissenschaftler-in-demokratie-2024; Abfrage: 30.08.2024
Anm. 24: Susanne Illmer, Zuhören statt zuspitzen. Neue Debattenkulturen im Museum, in: Museen und KI. Museen durch Krisen navigieren (Museumskunde. Zeitschrift für die Museumswelt, Bd. 89), Berlin 2024, S. 107-111.
Anm. 25: Vgl. Maroder Zustand. Vielen Sportstätten droht die Schließung, in: Deutschlandfunk Nova, 14.01.2025; Quelle: www.deutschlandfunknova.de/beitrag/maroder-zustand-viele-sportstaetten-koennten-geschlossen-werden; Abfrage: 14.02.2025
Anm. 26: Vgl. Entwicklung der Anzahl von Museen* in Deutschland von 1998 bis 2022; in: Statista, 14.10.2024; Quelle: de.statista.com/statistik/daten/studie/2821/umfrage/entwicklung-der-anzahl-von-museen-in-deutschland/; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 27: Wurden 2010 noch rund 10.200 öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken in Deutschland gezählt, gab es 2023 gab es insgesamt rund 8.860 derartige Einrichtungen. Vgl. Anzahl der Bibliotheken* in Deutschland von 2010 bis 2023, in: Statista, 13.08.2024; Quelle: de.statista.com/statistik/daten/studie/248671/umfrage/anzahl-der-bibliotheken-in-deutschland/; Abfrage: 13.02.2025
Anm. 28: Kirchen in Sachsen: Erste ökumenische Akademie deutschlandweit in Sachsen geplant, in: MDR, 07.11.2024; Quelle: www.mdr.de/religion/zusammenlegung-fusion-christlicher-akademien-sachsen-100.html; Abfrage: 14.02.2025
Anm. 29: Vgl. Kritische Sektoren, in: OpenKRITIS; Quelle: www.openkritis.de/it-sicherheitsgesetz/kritis-sektoren.html; Abfrage: 14.02.2025. Vgl. dazu Museen unter das Dach der Nationalen Resilienzstrategie? Das könnte mehr neue Probleme schaffen als es löst! in vorliegender Ausgabe von KulturBetrieb.
Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in KulturBetrieb, eins 2025, S. 54-61.




