Wer über die Finanzierung von Museen hierzulande redet, stößt neuerdings auf beeindruckende Zahlen: Rund 7.000 (öffentliche) Häuser; 106.000 Arbeitsstellen; 100 Millionen wahlweise 167 Millionen Besuche pro Jahr; 5,6 Milliarden Euro Kosten pro Jahr, denen allein im Jahr 2023 fast 9,4 Milliarden Euro an Beitrag zum Brutto-Inlands-Produkt (BIP) gegenüberstehen. Ein einziger Euro schafft eine Wertschöpfung von 1,70 Euro! Und es wird noch besser: Berücksichtigt man zusätzlich sog. indirekte und induzierte Effekte wie z.B. Dienstleistungen oder Tourismus, dann steigt die Wertschöpfung sogar auf 2,40 Euro. Während eine Geldvermehrung um satte 70 oder gar 240 Prozent eigentlich einen umgehenden Boom neu zu gründender Museen und Ausstellungshäuser auslösen müsste, bilanziert die urhebende Studie auf Seite 75 ganz bescheiden: „Museen sind eben ihr Geld wert.“ Aufmerksame Leser staunen: Vor aller Augen ereignet sich ein ökonomisches Wunder – ein sensationeller Return of Investment (ROI) – und eine neue museale Gründerzeit bleibt aus! Woran liegt das? Sind die Befunde der Untersuchung vielleicht doch nicht so eindeutig?
Woher stammen die Zahlen und wie repräsentativ sind sie?
Quelle dieser und vieler detaillierter Zahlen, Statistiken und Grafiken ist das im Juni 2025 vorgelegte Papier „Der ökonomische Fußabdruck von Museen. Das sichtbare Kapital. Studie zu den ökonomischen Wirkungen der Museumslandschaft in Deutschland“. Vorgelegt wurde die Untersuchung vom Berliner Institut für Museumsforschung in Zusammenarbeit mit der ICG Integrated Consulting Group. (Anm. 1)
Die Daten der Studie wurden zwischen Oktober 2024 und Februar 2025 erhoben. Teilgenommen an der Onlineumfrage haben 194 von insgesamt etwa 500 Häusern, von denen 400 zuvor ausgewählt und gezielt angeschrieben worden waren. In der durchgeführten Input-Output-Analyse konnten tatsächlich jedoch nur 162 gültige Antworten berücksichtigt werden, da in 32 Fällen die Angaben nicht detailliert genug waren. Während die Rücklaufquote der beteiligten Museen also 39% betragen hat, haben de facto etwa 2,5 Prozent aller hiesigen Häuser aussagekräftige Daten geliefert. Aber stellen magere 2,5 Prozent tatsächlich ein wirklichkeitsgetreues Abbild der Gesamtheit dar?
„Als wichtigstes Merkmal für die Repräsentativität wurde dabei die prozentuale Verteilung nach Besuchsgrößenklassen angesehen, gefolgt von den Museumsarten und der Verteilung nach Bundesländern.“ (S. 76) Nach einer gängigen Vorstellung von Repräsentativität soll die Auswahl einer Teilgesamtheit so vorgenommen werden, dass aus dem Ergebnis der Teilerhebung möglichst exakt und sicher auf die Verhältnisse der Gesamtmasse geschlossen werden kann.
Zudem geht aus den Angaben zur Datenbasis nicht hervor, welche Museen geantwortet haben. Waren es vorwiegend größere oder gar große Häuser mit mehr als 25.001 bzw. mehr als 100.000 Besuchen pro Jahr? Weshalb das von Belang ist? In der Regel verfügen die „Großen“ über mehr personelle Ressourcen und datentechnische Möglichkeiten als sog. kleinere Einrichtungen, d.h. sie sind eher in der Lage, vergleichsweise komplexe Befragungen umfänglich und weitgehend fehlerfrei zu stemmen. Wessen Daten bilden demnach die Basis für das oben beschriebene Wirtschaftswunder? Überwiegend jene der „üblichen Verdächtigen“?
»Wer hat, dem wird gegeben«?
Selbstverständlich überrascht es nicht, dass die Hauptstadt und Tourismusmetropole Berlin mit 1,75 Euro Wertschöpfung pro investiertem Euro das mit Abstand beste Ergebnis unter allen Bundesländern erzielt. Greift hier einmal mehr der sog. Matthäus-Effekt? (25,29) Auf den Plätzen folgen Brandenburg, NRW, Sachsen-Anhalt, Thüringen mit je 1,69 Euro sowie Hamburg und Rheinland-Pfalz mit je 1,68 Euro. Schlusslichter sind das Saarland und Sachsen mit je 1,59 Euro. (vgl. S. 31-49) Vielsagend auch die geschätzten wirtschaftlichen Effekte nach Museumsarten: Kunstmuseen erbrachten mit 1,90 Euro und große Museumskomplexe mit 1,80 Euro die höchste Wertschöpfung. (S. 9)
Besonders aussagekräftig ist aber die Unterscheidung nach der Größe der Häuser: „Die Wertschöpfung pro Euro Investition lag bei den »großen« Museen mit mehr als 100.000 Besuchen im Jahr bei 1,76 Euro. Demgegenüber wurden die Rückflüsse in Museen mit weniger als 100.000 Besuchen auf 1,58 Euro pro von der öffentlichen Hand investierten Euro geschätzt.“ (S. 51)
Museen bringen mehr Geld ein, als sie kosten? Ist es wirklich so leicht?
Für Unternehmen der freien Wirtschaft wäre ein Return of Investment (ROI) von „nur“ 1,58 pro Euro ein fantastisches Ergebnis, denn: Bei einer stabilen Geschäftsentwicklung gilt ein ROI zwischen sieben und zehn für ein Unternehmen als guter Wert. Da müsste man als wirtschaftlicher denkender Mensch zweierlei laut fordern: „Kommunen, baut mehr Museen!“ und: „Unternehmenslenker, lernt von der öffentlichen Hand!“ Entsprechend freudig wird die Studie des Instituts für Museumsforschung von Museen und musealen Verbänden begrüßt. Das Ergebnis klingt fast zu gut, um wahr zu sein und daher stellt sich die Frage, was es im Detail mit den Zahlen auf sich hat?
Die zuvor genannten 1,58 bis 1,76 Euro Wertschöpfung pro investiertem Euro erfassen unserer Museumslandschaft in grober Rasterung, nämlich kleiner oder größer als 100.000 Besuche. Aufschlussreich ist jedoch ein anderes Fazit der Studie, das im Kleingedruckten steht: „Rund vier Prozent der Museen zählten mehr als 100.000 Besuche im Jahr und generierten 60% der Wertschöpfung (5,6 Mrd €). Demgegenüber wurden in drei Viertel der Museen weniger als 10.000 Besuche gezählt und rund 11% der Wertschöpfung (1,1 Mrd €) erzielt.“ (S. 51)
Sollten diese Zahlen zutreffen, hieße das: Etwa 5.250 Museen (= 75% der Gesamtheit) erzielen eine Wertschöpfung von rund 1,1 Mrd Euro (= 11% der Gesamtheit). Ergo: Für Dreiviertel unserer Häuser bleibt eine Wertschöpfung von etwa 20 Cent auf den investierten Euro. Museen rechnen sich? Ja, manche womöglich schon, aber das gilt eben offenkundig nicht für die Masse der Einrichtungen.
»Tu felix Austria«! Tatsächlich?
Die Studie des Instituts für Museumsforschung orientiert sich an einem älteren Vorbild, das der Museumsbund Österreich 2018 publiziert hat. Da man auch dort mit der ICG Integrated Consulting Group (ICG) zusammengearbeitet hat, ähneln Vorgehensweise und verwendete Parameter einander sehr. Allerdings ist das Ergebnis für Österreich noch etwas besser als für Deutschland. In der Alpenrepublik beträgt die Wertschöpfung pro investiertem Euro sogar 1,80 Euro! (Anm. 2) Insgesamt hat die öffentliche Hand etwa 281 Mio Euro an Subventionen für österreichische Museen verausgabt. Daraus errechnet die ICG mit einer Fülle von Fachbegriffen wie Einkommen, Beschäftigung, Kaufkraft sowie Fiskal- und Tourismuseffekte eine Wertschöpfung in Höhe von 500 Mio Euro, die sich so verteilen: 295 Mio Euro direkte, 52 Mio Euro indirekte sowie 152 Mio Euro induzierte Effekte. Fazit: „Jeder von der öffentlichen Hand investierte Euro ermöglicht eine Wertschöpfung von 1,8 €. In Museen zu investieren, lohnt sich.“ (S. 6) Das ist fraglos eine kernige Aussage, mit denen Museen gerne für sich werben.
Aber auch hier sollte man genauer hinsehen. Die österreichische Datenlage steht auf recht breiter Basis: Von insgesamt 742 Museen, die der dortigen ICOM-Definition genügen, haben sich 428 Häuser beteiligt, d.h. die Rücklaufquote beträgt 58%. (vgl. S. 56) Allerdings: Die Österreich-Studie unterscheidet nicht nach großen und kleinen Museen bzw. nach touristischen Hotspots und Orten, die davon wenig berührt sind. Die Untersuchung geht schlicht von einer Gesamtheit aller Museumsbesuche aus, die sich in Österreich 2017/18 auf etwa 19 Millionen belaufen hat. So weist die Studie z.B. nicht darauf hin, dass im Erfassungszeitraum rund zehn Millionen Besuche allein in den Museen der Hauptstadt Wien gezählt wurden. (Anm. 3) Addiert man dann die Museumsbesuche in touristischen Hochburgen wie Graz, Klagenfurt oder Salzburg, dürfte es in der österreichischen „musealen Provinz“ eher beschaulich zugehen – wohl auch mit Blick auf die Wertschöpfung der dortigen Häuser.
Bilbao-Effekt? Nicht beliebig wiederholbar!
Als Olymp der kulturellen Wertschöpfung gilt für viele die Erfolgsgeschichte rund um das 1997 eröffnete Guggenheim-Museum im nordspanischen Bilbao, einer damals heruntergekommenen Industriestadt. Zehn Jahre nach Eröffnung des spektakulären Gebäudes von Frank O. Gehry „kamen zum ersten Mal mehr als eine Million Gäste, genau 1.008.774 Besucher. Und die wiederum gaben nach Angaben des Direktors 211 Millionen Euro in Bilbao aus, brachten der Stadt einen Gewinn von 29 Millionen Euro. (…) Da wurden die 85 Millionen Euro Baukosten gut investiert.“ (Anm. 4)
Warum aber entstehen trotz dieses außerordentlichen ROIs nicht viele weitere „Bilbaos“? Jüngere Analysen kommen zu folgendem Fazit: „Trügerisch ist daher die Annahme, es genüge für eine Kommune, den einen Architekten oder die eine Architektin einfliegen zu lassen, und der Aufschwung folge von selbst. Im Falle Bilbaos brauchte es eine ganze Urban Task Force mit Eingriffen auf vielen Ebenen: von der Infrastruktur über Hochbauten, den Freiraum bis zur Umwelt. Hinzu kam eine Bevölkerung, die den Wandel mittrug. (…) Allzu oft wird jedoch eben das Gesamtpaket der Entwicklungsmaßnahmen übersehen, das vom Guggenheim-Neubau in Form eines glänzenden Sahnehäubchens bekrönt wurde. Zu dem Schluss kommen auch viele Studien, die sich mit dem Bilbao-Effekt befassen. (…) Für die Wirksamkeit des Bilbao-Effekts sorgte jedoch erst die mediale Aufmerksamkeit. (…) Die große Frage vieler mit Neid nach Bilbao blickenden Kommunen, ob der Effekt kopierbar ist, beschäftigt auch die Wissenschaft. Ein Team um Alain Thierstein von der TU München, der HafenCity Universität Hamburg und der TU Berlin erforscht über Jahre die Eigenheiten von „Stararchitekturen“. Dabei greift es unter anderem auf die Auswertung von Zeitungsberichten und die Möglichkeiten der digitalen Bildanalyse sozialer Medien zurück. Das ernüchternde Fazit von Thierstein: `Die Bilbao-Formel gibt es nicht.´“ (Anm. 5) Die gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Bauten von Architekten ist kein Garant dafür, den Bilbao-Effekt beliebig zu reproduzieren.
UNESCO-Weltkulturerbe? Hilft auch nicht immer!
Allgemein nimmt man an, dass der Titel einer UNESCO-Welterbestätte positive wirtschaftliche Auswirkungen auf die entsprechende Kommune oder Region hat, insbesondere durch die Steigerung des Tourismus und die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Tourismusbranche. Ein positives Beispiel dafür ist Regensburg, das seit seiner Ernennung zum Welterbe im Jahr 2006 die Zahl der Übernachtungen in gewerblichen Unterkünften von 700.000 auf mehr als 1,3 Millionen steigern konnte. Im Schnitt blieben die Gäste 1,8 Tage in der Domstadt. (Anm. 6) Dagegen kommt Dessau-Roßlau, das mit den Bauhaus-Stätten, dem Gartenreich Dessau-Wörlitz und dem Biosphärenreservat Mittelelbe sogar auf drei UNESCO-Titel verweisen kann, auf „nur“ 255.000 Übernachtungen pro Jahr (2019). (Anm. 7) Und die finanzielle Zukunft Dessau-Roßlaus sieht nicht rosig aus. Wegen ausufernder Verluste beim Städtischen Klinikum Dessau und hohen Personalkosten in der Stadtverwaltung häuft die Stadt bis 2028 ein Defizit von 126 Millionen Euro an. (Anm. 8)
Oder Naumburg: Der dortige Dom St. Peter und St. Paul darf sich seit 2018 mit dem Titel UNESCO-Weltkulturerbe schmücken. 2024 haben rund 116.000 die berühmte „Uta“ besucht. (Anm. 9) Das ist erfreulich, aber weit entfernt von den 150.000 Gästen, mit denen man 2019 gerechnet hat. Aber entscheidend: Der Stadt Naumburg helfen der Dom und seine Gäste kaum. Nicht einmal der Umstand, dass Unterhalt und Betrieb des Doms von der Stiftung Vereinigte Domstifter getragen werden, die sich aus Eigenmitteln und öffentlichen Zuschüssen (Land Sachsen-Anhalt) finanziert. Der Stadt Naumburg fehlt Geld und muss ab sofort jedes Jahr 1,6 Mio Euro einsparen. Haushaltssperren wird es u.a. bei den sog. freiwilligen Ausgaben geben, darunter Theater, Museen und Sportplätze. (Anm. 10)
Mit Blick auf die hier zu hinterfragende Studie stimmt selbstredend auch der Deutsche Museumsbund (DMB) in das Lied ein, wonach Kultur nicht als freiwillige Leistung betrachtet werden dürfe, sondern vielmehr als ökonomisch lohnende Investition geschätzt werden solle. Was aber sagt der DMB den notleidenden Kommunen, wenn sogar Leuchtturmprojekte wie UNESCO-Weltkulturerbestätten nicht einmal annähernd die angebliche Wertschöpfung von 1,70 Euro bringen? Über solch unerfreuliche Beispiele (Einzelfälle oder eher die Regel?) geht der DMB generös hinweg und fordert vollmundig: „Dann müssten wir aufhören, Museen als Kostenstelle zu betrachten – und anfangen, sie als Teil der Lösung zu begreifen. Denn die wirklich wichtigen Dinge lassen sich nicht nur in Geld messen. Aber sie lassen sich finanzieren – wenn man bereit ist, in Zukunft zu investieren.“ (Anm. 11) Wer vom DMB oder vom Institut für Museumsforschung fährt nach Dessau, Naumburg & Co und erklärt den Menschen dort, dass sie freudig auf ihr kostenintensives Schwimmbad verzichten, um stattdessen Museum und Theater zu haben, die sogar Geld erwirtschaften? Und: Wer soll diese Mär glauben?
Sind andere öffentliche Kulturbetriebe in finanziellem und gesellschaftlichem Sinne womöglich ergiebiger?
Das Institut für Museumsforschung lässt an den Ergebnissen der von ihm beauftragten Studie keine Zweifel aufkommen. Vorrangiges Ziel der Untersuchung sei es zu zeigen, dass Museen nicht nur Geld kosten, sondern auch Geld bringen. Aber offenbar weiß man aber auch beim Institut für Museumsforschung, dass es „öffentliche Investitionen gibt, die deutlich mehr Wertschöpfung bringen als Museen.“ (Anm. 12) Zu gern hätte man erfahren, um welche Investitionen bzw. Einrichtungen es sich dabei konkret handelt, aber dazu liest man nichts. Könnten unter den renditestärkeren Einrichtungen womöglich Zoologische Gärten sein, die sich oftmals weitaus größerer Beliebtheit als Museen erfreuen und den kommunalen Trägern mitunter stattliche Einnahmen verschaffen? Weshalb verschweigt die Studie diese „tierische“ Konkurrenz? Fürchtet sie, dass künftig öffentliche Gelder dorthin vergeben werden, wo der höchste ROI zu erwarten ist? Oder darf es in der Logik des Instituts für Museumsforschung nicht sein, dass Elefant, Tiger & Co. „erfolgreicher“ sind als viele unserer Museen, obwohl die sich doch so unermüdlich für unsere Bildung einsetzen, unsere einzigartigen Kulturgüter bewahren und ihren tieferen Sinn vermitteln und – womöglich noch wichtiger – besonders in schwierigen Zeiten unsere Gesellschaft und unsere Demokratie durch integrierende Maßnahmen retten? Aber vielleicht sind Zoos gerade deshalb so beliebt bei vielen Menschen, weil sie sich in der dortigen Fauna & Flora zumindest eine Zeit lang vor den Anfechtungen und Ansprüchen der Gesellschaft geborgen und geschützt fühlen? Womöglich sind viele Museen mit ihren hehren Ansprüchen und ihren Appellen für ein „richtiges Leben“ in einer „besseren Welt“ inzwischen nicht mehr Teil der Lösung, sondern Teil des Problems? (Anm. 13)
„Europa-Park-Effekt“ bringt nicht nur wirtschaftlichen Aufschwung, …
Noch bitterer würde der Vergleich mit erfolgreichen Vergnügungsstätten ausfallen, die als Privatunternehmen geführt werden und der beherbergenden Kommune einen enormen wirtschaftlichen Gewinn bringen. Da wäre z.B. der Europapark in Rust. Die 1975 eröffnete Attraktion ist mit über sechs Millionen Besuchen (2024) der meistbesuchte Freizeitpark im deutschsprachigen Raum und nach Disneyland Paris der besucherstärkste Freizeitpark Europas. Diese Zahl erreicht kein Museum hierzulande, nicht einmal Schloss Neuschwanstein, das jährlich rund 1,4 Millionen Gäste zählt. Seit 1975 haben insgesamt mehr als 150 Millionen Gäste aus aller Welt den Europapark besucht. (Anm. 14) Und die Gäste sind treu: 2017 machten Erstbesucher 18 Prozent und Wiederholungsbesucher rund 82 Prozent der Gäste aus.
Der Europa-Park ist ein überaus bedeutender Wirtschaftsfaktor, der wesentlich zur Wertschöpfung, Beschäftigung und zum Tourismus für die Region Ortenau, das Land Baden-Württemberg und sogar für das Elsass beiträgt. Eine Studie der Universität St. Gallen belegt, dass der Park in der Saison 2023/24 über eine Milliarde Euro Umsatz generiert hat. (Anm. 15) Das betreibende Familienunternehmen Europa-Park GmbH & Co Mack KG beschäftigt im Jahresdurchschnitt rund 3600 Mitarbeiter und erzielte 2016 einen Umsatz von 300 Millionen Euro. Die 5000 Einwohner zählende Gemeinde Rust hatte im Jahr 2019 ca. 980.000 Übernachtungen, wobei die Gäste im Schnitt 1,6 Tage bleiben. (Anm. 16)
… sondern er bildet, ist nachhaltig und bietet sogar Seelsorge
Im Europa Park geht es obendrein nicht ausschließlich um grenzenloses Vergnügen und bedenkenlosen Konsum: Der Park fungiert auch als außerschulischer Lernort, ohne diesen Begriff zu nutzen. Während immer mehr Museen hierzulande den Begriff gleichsam als Mahnung für Erhalt und Ausbau unserer wichtigen Ressource Bildung beschwören, verzichtet der Europa Park auf derart überfrachtetes Vokabular und macht einfach: Jährlich im Herbst finden die „Science Days statt – Deutschlands größtes Wissenschafts- und MINT-Festival. Gemeinsam mit Institutionen aus Wissenschaft, Bildung, und Wirtschaft wird ein faszinierendes und sehr vielfältiges Angebot zusammengestellt. MINT-Themen werden aus unterschiedlichen Richtungen und Blickwinkeln präsentiert und die Besuchenden bekommen Einblicke in hochaktuelle Themen und deren Erforschung. Hands-on spielt hierbei eine sehr wichtige Rolle. Es darf ausprobiert, experimentiert und getüftelt werden! Im Austausch mit den Akteuren und unter deren fachkundigen Begleitung können die Besuchenden neue Erkenntnisse gewinnen und ihr Wissen erweitern. (…) Die Science Days sind eine ideale Ergänzung des schulischen Lehrplans. Lehrkräfte können Aspekte ihres Fachunterrichts vor Ort vertiefen und neue faszinierende Impulse für ihren Unterricht erhalten.“ (Anm. 17)
Selbstredend unternimmt der Park einiges, um Ressourcen zu schonen und die Umwelt zu schützen: Ein eigenes Laufwasserkraftwerk, Blockheizkraftwerke sowie große Photovoltaik-Anlagen erzeugen pro Jahr bis zu 1,4 Millionen Kilowattstunden Ökostrom, was dem Bedarf von mehr als 350 Vier-Personen-Haushalten entspricht. 400.000 Bienen wurden auf dem Gelände angesiedelt und 7.000 Bäume gepflanzt. Für die Mitarbeiter/innen stehen 180 Elektrofahrzeuge und 150 Fahrräder für Fortbewegung und Gütertransporte zur Verfügung. (Anm. 18) Neben dem Pkw reist ein großer Teil der Gäste mit Bussen und Zügen an, seit 2024 auch in Kooperation mit der Schweizerischen Bundesbahnen AG (SBB) sogar mit Direktverbindung nach Basel.
Und welches Museum hierzulande bietet geistliche Begleitung? Während man in Berlin mit dem eher düster anmutenden Konzept „Zufluchtsort Bode-Museum. Suizide verhindern. Reden hilft!“ wirbt, (Anm. 19) lädt der Europa Park in gleich drei Kirchen und weiteren Räumlichkeiten zu Kurzandachten, Gesprächen, Gottesdiensten und thematischen Veranstaltungen. Zwei bis drei Seelsorger sind Ansprechpartner in diesen Oasen der Ruhe inmitten quirliger Umgebung. (Anm. 20) Auch, wenn manche Vertreter der sog. Hochkultur die Freizeitparks schnöde als Volksbelustigung abtun: Einiges scheinen diese Einrichtungen richtig zu machen und vielleicht können sogar Museen von ihnen das eine oder andere im Umgang mit dem Besucher lernen.
Fazit
Ein Ziel der Studie des Instituts für Museumsforschung ist es, Museen künftig nicht nur als sog. Softpower zu betrachten, die für die Entwicklung und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft von Relevanz sind, sondern sie auch als einen ökonomischen Mehrwert zu begreifen, in den zu investieren sich lohne. Das ist sehr zu begrüßen. Im Ergebnis will die Untersuchung gezeigt haben, „dass Museen Investitionen in Form von Zuschüssen der öffentlichen Hand mehr als wett machen. (…) Museen sind eben ihr Geld wert.“ (S. 75). Und: „Mit den Ergebnissen können die Museen in Deutschland die Wirkung ihrer Arbeit erstmals in einen direkten ökonomischen Kontext stellen und ihre Rolle als Standortfaktoren für Tourismus, Dienstleistungen und Handel sowie Kultur und Kreativwirtschaft auch in die Diskussion mit ihren Stakeholdern einbringen.“ (S. 5)
Ein kritischer Blick auf die Ergebnisse der Untersuchung zeigt jedoch, dass die griffige Formel von der „1,70-Euro-Wertschöpfung“ allenfalls auf einige Museen hierzulande zutrifft. Da aber für den weitaus größten Teil unserer Häuser dieses ökonomische Wunder voraussichtlich unerreichbar bleiben wird, sind sie gut beraten, ihren konkreten „Marktwert“ möglichst präzise zu ermitteln, bevor sie zu Kämmerern und anderen Stakeholdern laufen, um dort „auf Augenhöhe“ über eine angemessene personelle, strukturelle, bauliche und finanzielle Ausstattung ihrer Museen zu verhandeln.
Die Studie liefert wertvolle Aspekte und eine Reihe hilfreicher betriebswirtschaftlicher Parameter, um die konkrete Wertschöpfung eines Hauses für eine Kommune zu ermitteln, sie sollte aber keineswegs die Verantwortlichen in unseren Museen dazu verleiten, selbstbewusst als „Geldvermehrer“ gegenüber den Trägern aufzutreten. Das könnte sich als übereilt erweisen. Und wer möchte schon als Tiger springen, um aber als Bettvorleger zu landen? Dann hätte eine nützliche Untersuchung den Betroffenen einen Bärendienst erwiesen. Also gilt auch mit Blick auf die hier besprochene Studie: Trau, schau, wem!
Dr. Berthold Schmitt, Herausgeber Fachzeitschrift KulturBetrieb
Anm. 1: Berlin, 84 Seiten; Quelle: www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2025/07/studie-ifm-oekonomischer-fussabdruck-von-museen.pdf; Abfrage: 04.08.2025; ICG ist ein internationales Beratungsunternehmen, das seine Wurzeln in Österreich hat.
Anm. 2: Zur Lage der österreichischen Museen. Eine Bestandsaufnahme; hrsg. von Museumsbund Österreich und ICG Integrated Consulting Group, Graz / Wien 2018, 58 Seiten, Quelle: museen-in-oesterreich.at/wp-content/uploads/2023/10/Museumsbund_Oesterreich_Zur_Lage_der_oesterreichischen_Museen.pdf; Abfrage: 05.08.2025
Anm. 3: Vgl. Museumsbesuche in Wien seit 2015; Quelle: www.wien.gv.at/statistik/lebensraum/tabellen/museumsbesuche-zr.html; Abfrage: 05.08.2025
Anm. 4: Nicolas van Ryk, Der Bilbao-Effekt, in: Die Welt, 06.10.2007; Quelle: www.welt.de/welt_print/article1239862/Der-Bilbao-Effekt.html; Abfrage: 05.08.2025
Anm. 5: Benedikt Crone, Die Langzeitwirkung des Bilbao-Effekts, in: Bauwelt 20.2022, 27.09.2022; Quelle: www.bauwelt.de/rubriken/bauten/Die-Langzeitwirkung-des-Bilbao-Effekts-Guggenheim-Frank-Gehry-Baskenland-3850331.html; Abfrage: 05.08.2025
Anm. 6: partner.ostbayern-tourismus.de/2025/02/10/regensburg-verzeichnet-rekorduebernachtungszahlen-im-jahr-2024/; Abfrage: 08.08.2025
Anm. 7: Vgl. Starker Tourismus Sachsen-Anhalt. Wir haben alle was davon, Quelle: www.visitdessau.com/starkertourismus/; Abfrage: 08.08.2025
Anm. 8: Oliver Müller-Lorey, Ausschüsse billigen Haushalt für 2025 - Stadt häuft Defizit von 126 Millionen Euro bis 2028 an, in: Mitteldeutsche Zeitung, 25.04.2025; Quelle: www.mz.de/lokal/dessau-rosslau/ausschusse-billigen-haushalt-fur-2025-stadt-hauft-defizit-von-126-millionen-euro-bis-2028-an-4038487; Abfrage: 08.08.2025
Anm. 9: Stabile Besucherzahlen für Dome in Naumburg und Merseburg, in: Süddeutsche Zeitung, 16.01.2025; Quelle: www.sueddeutsche.de/kultur/tourismus-stabile-besucherzahlen-fuer-dome-in-naumburg-und-merseburg-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-250116-930-346607; Abfrage: 08.08.2025
Anm. 10: Vgl. Parken in Naumburg wird teurer: Stadt muss 1,6 Millionen Euro sparen. Kürzungen bei Kultur und Sport, in: MDR, 26.02.2025; Quelle: www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/burgenland/naumburg-haushalt-kuerzungen-parken-teurer-100.html; Abfrage: 08.08.2025
Anm. 11: Warum Investitionen in Museen mehr als Sinn machen. Ein Beitrag zur Studie “Ökonomischer Fußabdruck von Museen” des Instituts für Museumsforschung, in: Deutscher Museumsbund; Quelle: www.museumsbund.de/warum-investitionen-in-museen-mehr-als-sinn-machen/; Abfrage: 08.08.2025
Anm. 12: Nathalie Daiber und Lukas Haas, Museen lohnen sich. Angesichts knapper Kassen wird über Kosten und Einsparungspotenziale im Kulturbereich diskutiert. Eine Studie legt jetzt nahe: Das könnte ein Fehler sein, in: Tagesschau, 18.07.2025; Quelle: www.tagesschau.de/kultur/museen-lohnen-sich-studie-100.html; Abfrage: 05.08.2025
Anm. 13: Vgl. Berthold Schmitt, DMB-Checkliste „Zusammenarbeit mit Trägern gestalten“. Mit Stärken werben und auf Defizite eine gute Antwort haben, in: KulturBetrieb, eins 2025, S. 54-61.
Anm. 14: Eine Erfolgsgeschichte aus dem Hause Mack, in: Europa Park, 05.06.2025; Quelle: corporate.europapark.com/de/presse/nachricht/datum/2025/06/05/eine-erfolgsgeschichte-aus-dem-hause-mack-4/; Abfrage: 07.08.2025
Anm. 15: Universität St. Gallen, Studie zur touristischen und regionalwirtschaftlichen Bedeutung des Europa-Parks. Aktualisierung für das Geschäftsjahr 2023/24, St. Gallen, 21.10.2024; Quelle: www.alexandria.unisg.ch/server/api/core/bitstreams/cc8f2b0a-d1a4-4151-9df1-b5f0fbb0f809/content; Abfrage: 07.08.2025
Anm. 16: Vgl. Gemeinde Rust, Zahlen + Daten; Quelle: www.rust.de/leben-in-rust/die-gemeinde/zahlen+und+daten; Abfrage: 07.08.2025
Anm. 17: Vgl. We´ve got the power!; Quelle: science-days.de/science-days/; Abfrage: 07.08.2025; vgl. ferner in vorliegender Ausgabe von KulturBetrieb: Berthold Schmitt, Außerschulische Lernorte und Vermittlungsprojekte sollen stärker gefördert werden! Aber nach der Wirksamkeit der Kulturprogramme fragt offenbar niemand.
Anm. 18: Nachhaltigkeit im Europa-Park; Quelle: presse.europapark.com/de/presse/nachricht/datum/2025/06/05/nachhaltigkeit-im-europa-park/; Abfrage: 07.08.2025
Anm. 19: Vgl. »Sind Sie wirklich so uninformiert?« Im Museum Kunstpalast werden Gäste nun beschimpft und gedemütigt, in vorliegender Ausgabe von KulturBetrieb.
Anm. 20: Vgl. Kirche; Quelle: www.europapark.de/de/freizeitpark/infos/kirche; Abfrage: 07.08.2025
Dieser Beitrag ist erstmals erschienen in KulturBetrieb, zwei 2025, S. 72-77




